Mangelnden Einsatz kann man den Verantwortlichen in Kansas im Bundesstaat Missouri kaum vorwerfen. Bürgermeister Sly James kaufte im Namen seiner Stadt mehr als 1.000 Artikel auf Amazon – und hinterließ anschließend für jeden einzelnen eine Bewertung.

Auch die 530.000-Einwohner-Stadt Tucson in Arizona bemüht sich um die Aufmerksamkeit des Onlinehändlers. Die Offiziellen entwurzelten kurzerhand einen knapp sechseinhalb Meter großen Kaktus – das inoffizielle Wahrzeichen des Bundesstaates –, um ihn per Post an den Hauptsitz des Konzerns in Seattle liefern zu lassen. Die Südstaatenstadt Birmingham wiederum ließ Dutzende übergroße Amazon-Pakete bauen, um sie großflächig in der ganzen Stadt zu verteilen und so die eigene Begeisterung zu zeigen.

Seit Amazon vor rund einem Monat angekündigt hat, auf der Suche nach einem Standort für den zweiten Hauptsitz zu sein, buhlen mehr als 100 Städte um die Gunst des Internetunternehmens. Bürgermeister geben Fernsehinterviews und lassen sich zu PR-Videos überreden, in denen sie Amazons Sprachassistenten Alexa um eine Antwort auf die entscheidende Frage bitten: Wo soll der Konzern seinen Sitz errichten?

50.000 Arbeitsplätze, fünf Milliarden Investitionen

Schließlich steht einiges auf dem Spiel: Neben Investitionen von rund fünf Milliarden Dollar verspricht das Unternehmen die Schaffung von rund 50.000 Arbeitsplätzen. An diesem Donnerstag endet die Frist, bis zu der die Städte für sich werben können. Es handele sich um die wohl größte Trophäe für Wirtschaftsentwicklung der vergangenen 10 bis 25 Jahre, so Greg LeRoy von der Organisation Good Jobs First, die die Auswirkung von Entwicklungsprojekten untersucht.

Der Zweitsitz wird nötig, weil der Konzern in seiner bisherigen Zentrale in Seattle angesichts des massiven Wachstums an seine Grenzen stößt. Amazon ist heute mit 40.000 Angestellten der größte Arbeitgeber in der 700.000-Einwohner-Stadt. Insgesamt belegt die Firma 19 Prozent der Büroflächen – mehr als jeder andere Arbeitgeber irgendwo in den USA. Der Wettbewerb um Talente aus der Techbranche hat sich in Seattle verschärft und macht es dem Konzern schwer, die rund 6.000 offenen Stellen zu besetzen.

Nur Denver erfüllt Amazons Anforderungen

Zugleich ist das Verhältnis zu der Wahlheimat angespannt. Die Dominanz des Konzerns hat Kritiker auf den Plan gerufen, die Amazon die Schuld an vielen Problem geben: Die Immobilienpreise sind in den vergangenen Jahren massiv gestiegen, die Infrastruktur der Stadt ächzt unter dem Wachstum. Der Stadtrat von Seattle segnete erst kürzlich Steuererhöhungen für Einkommen über 250.000 Dollar ab, um dringend benötigte Investitionen zu finanzieren – eine Maßnahme, die auch auf die Gutverdiener bei Amazon zielt.

In dem acht Seiten langen Papier für HQ2 – so der vorläufige Name des Zweitsitzes – hat der Konzern jetzt Bedingungen aufgelistet, die der Gewinner erfüllen muss. So erwartet Amazon neben einer "wirtschaftsfreundlichen" Metropolregion mit mindestens einer Million Einwohnern auch einen gut funktionierenden Nahverkehr und die Nähe zu einem internationalen Flughafen. Ebenfalls auf der Wunschliste: Glasfasernetze, eine gute Mobilfunkabdeckung, Universitäten, eine vielseitige Bevölkerung und Naherholungsgebiete. Die New York Times kam im September zu dem Schluss, nur Denver im Bundesstaat Colorado erfülle die strengen Anforderungen von Amazon. Eine Entscheidung will der Konzern erst im kommenden Jahr treffen.