Weltweit führte Sri Lanka 2016 Textilien im Wert von 4,6 Milliarden Dollar aus – und das Land ist bei Weitem nicht die billigste der asiatischen Produktionsstätten für Textilien. Die Löhne sind etwas höher als beispielsweise in Bangladesch. Deshalb werden in Sri Lanka vorwiegend qualitativ höherwertige Waren gefertigt – ein Plus für Decathlon, denn die Franzosen legen Wert darauf, dass Billiges nicht schlecht sein muss und ein Leibchen oder ein paar Laufschuhe auch nach dem x-ten Marathon noch ihren Zweck erfüllen.

"Bei Decathlon versuchen wir, die Produkte immer noch günstiger zu machen," heißt es in einem Werbefilm auf dem Youtube-Kanal des Discounters. "Aber wir sparen nicht an der Qualität. Hinter unseren günstigen Preisen steckt mehr als Du glaubst." In der Online-Community des Unternehmens, über die ein Großteil der Eigendarstellung läuft, räumt Decathlon zwar ein, dass die Produktion "eine der wichtigsten und gleichzeitig umstrittensten Stationen" sei, doch man habe alles im Griff: "Von der ersten Idee über die Entwicklung bis hin zum fertigen Produkt liegt alles in unserer Hand – was den großen Vorteil hat, dass wir auch die Produktionsbedingungen selbst bestimmen und natürlich auch kontrollieren können."

"Anämie ist weit verbreitet"

Der sri-lankische Mindestlohn von 13.500 Rupien monatlich für 45 Wochenstunden, umgerechnet derzeit etwa 77 Euro, reicht selbst für ein Auskommen unter prekären Bedingungen nicht aus. Alle Näherinnen, mit denen ZEIT ONLINE in Sri Lanka sprach, machen deshalb regelmäßig Überstunden: täglich mindestens zwei. Mehrarbeit von 60 Stunden pro Monat ist legal.

"Eine vierköpfige Familie braucht mindestens 51.000 Rupien, um zu überleben", sagt Chamila Thushari. Seit 22 Jahren leitet sie die Frauenhilfsorganisation Dabindu Collective in einem winzigen Büro unweit der Freihandelszone Katunayake. Unter Plakaten, die für eine von Frauen geführte Gesellschaft werben und für gleiche Löhne für Frauen und Männer, können Näherinnen wie Milanti bei ihr Rat und Unterstützung erhalten. "Viele der Frauen sind gerade erst 16, wenn sie aus dem Norden und dem Landesinnern in den industrialisierten Westen kommen. Sie kennen nichts von der Welt und auch nicht ihre Rechte", erzählt Thushari. "Sie ernähren sich schlecht, um Geld zu sparen, Anämie ist weit verbreitet." 

Nach dem Arbeitsgesetz hätten Milanti und ihre Kolleginnen Anspruch auf 14 Tage bezahlten Urlaub pro Jahr und Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Der Oberste Gerichtshof Sri Lankas zwang die Staatsführung, diesen Anspruch entgegen der ursprünglichen Regelung auch auf die Freihandelszonen auszuweiten. Doch deren rasanter Ausbau in den vergangenen Jahrzehnten und der Wille der Regierung, das Heer seiner wenig qualifizierten jungen Leute aus den armen Landesteilen in Arbeit zu bringen, haben ein auch für einheimische Experten kaum zu entwirrendes Geflecht aus Subunternehmern und Leiharbeitsagenten entstehen lassen, die regelmäßig auch geringste Sozialstandards unterlaufen.

Wer sich krank meldet, wird diszipliniert

"Dieser Zustand ist gegen die Verfassung und rechtswidrig", kritisiert Balasingham Skanthakumar von der Social Scientists Association. "Aber er gehört seit so langer Zeit zum Alltag und wurde mit solcher Macht durchgesetzt, dass er heute im Verständnis von Unternehmern, Arbeitern, Gewerkschaften und selbst dem Arbeitsministerium Normalität ist." Vor wenigen Monaten hat Skanthakumar eine umfangreiche Studie über die Arbeitsverhältnisse in den Freihandelszonen vorgelegt und dazu Arbeiterinnen, Manager, Jobvermittler und Regierungsmitarbeiter befragt.  

"Ein komplexes System aus Boni, Ordnungsgeldern und Sanktionen wird dazu verwendet, Arbeiter zu disziplinieren, die zu spät kommen, sich krank melden, keine Überstunden machen wollen, nicht an Feiertagen arbeiten oder ihre Produktionsziele nicht erreichen, seien diese auch noch so unrealistisch", so der Sozialwissenschaftler. Wer nicht direkt bei einem Zulieferer angestellt ist, sondern von einem Leiharbeitsvermittler angeheuert wurde, kommt gar nicht erst in die Nähe theoretisch vorhandener Arbeitsrechte.

Skanthakumar hält es für möglich, dass die Behörden in den Freihandelszonen "offensichtliche Verletzungen von manchen Arbeitsrechten" akzeptieren, solange nur die gesetzliche Höhe von Mindestlöhnen und Überstundenentgelten respektiert werde.

Wie gut kann Decathlon tatsächlich kontrollieren, wie seine Lieferfirmen unter diesen Rahmenbedingungen arbeiten? Auf Nachfrage schreibt das Unternehmen, man evaluiere die Betriebe regelmäßig. "Die Evaluierungen überprüfen unter anderem, dass die sozialen Rechte der Arbeitnehmer, beispielsweise Sozialversicherung, bezahlter Urlaub und Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, korrekt gewährt werden, so wie es die lokalen Gesetze festlegen."

Mögliche Probleme streitet Decathlon nicht ab, bleibt aber die Antwort schuldig, ob man konkret die Situation in Sri Lanka kenne und Änderungsbedarf sehe: "Wenn wir die Arbeitsbedingungen in diesen Firmen evaluieren, ist es möglich, dass wir mit Widersprüchen zu unserem Verhaltenskodex konfrontiert werden. Wenn die Situation bedenklich ist, bitten wir unseren Zulieferer, sofort zu handeln. Dann bitten wir unsere Zulieferer, einen dauerhaften und effizienten Aktionsplan auszuarbeiten, der besser auf ihr System und ihre Organisation fokussiert ist, damit die Situation sich in der Zukunft nicht wiederholt."

Solche Aktionspläne würden regelmäßig von den für die Produktion verantwortlichen "Teammates" von Decathlon vor Ort überprüft. 64 solcher "Teammates" arbeiten laut dem Unternehmen in Sri Lanka.