Ein klein bisschen Abschottung von den wartenden Fotografen gewähren die Richter den Schleckers. Und so müssen sie nicht durch die Sitzreihen voller Journalisten und gereizten Zuschauer gehen, sondern dürfen einen Nebeneingang benutzen. Durch diesen betreten Vater Anton, Tochter Meike und Sohn Lars am Mittag ein letztes Mal den Sitzungssaal 1 im Stuttgarter Landgericht, begleitet von einer Eskorte aus sechs Anwälten. Die Fotoapparate klicken.

Als wenige Minuten später die Urteile gegen die drei Angeklagten fallen, stehen sie mit dem Rücken zum Publikum. Sie lassen sich nicht anmerken, wie sie die Entscheidung der Richter aufnehmen: Anton Schlecker, Vater der Familie und Gründer der Drogeriekette, erhält eine Bewährungsstrafe von zwei Jahren. Seine Tochter Meike muss für zwei Jahre und acht Monate ins Gefängnis; sein Sohn Lars noch einen Monat länger.

Alle drei Familienmitglieder seien des vorsätzlichen Bankrotts und der Insolvenzverschleppung schuldig, urteilt das Gericht. Es ist das Fazit unter eine Firmenpleite, die jahrelang Thema in der Öffentlichkeit war – und das Ende eines monatelangen Gerichtsprozesses.

Die Restsubstanz wurde geplündert

In seiner dreistündigen Urteilsbegründung zeichnet der Vorsitzende Richter Roderich Martis das Bild eines ins Schlingern geratenen Drogerieimperiums, dessen Fall irgendwann unausweichlich war. Zu diesem Zeitpunkt hätten die drei Angeklagten die Restsubstanz der Firma ausgeplündert. Es ist daher die Kernfrage dieses Prozesses: Wann mussten die Schleckers wissen, dass ihr Geschäftsmodell implodieren würde?

Das Gericht datiert diesen Zeitpunkt auf den 1. Februar 2011. Am Tag zuvor hatte ein hausintern erstellter Bankenplan ein bevorstehendes Desaster angedeutet, in Form einer Finanzlücke von 60 Millionen Euro. Laufende Kredite konnten daraufhin nicht mehr bedient werden, die Lastschriften von Lieferanten gingen ins Leere. "Anton Schlecker hatte 2011 kein liquides Privatvermögen mehr, um die Forderungen auszugleichen", stellt Richter Martis nüchtern fest.

In den Jahren zuvor hatten sich die Verluste langsam erhöht. 2008 waren es 82 Millionen, zwei Jahre später schon 118 Millionen und Ende 2011 schließlich 205 Millionen Euro – während der Umsatz im selben Zeitraum um über ein Fünftel zurückging. Eine in der Not beschlossene Preiserhöhungsoffensive beschleunigte den Niedergang nur: Jetzt war das Einkaufen in den spartanischen Schlecker-Filialen deutlich teurer als bei der stark expandierenden Konkurrenz von dm oder Rossmann.

"Sie waren keine wirtschaftlichen Laien"

Anton Schlecker, der persönlich haftende Kaufmann, sowie seine beiden Kinder Meike und Lars, beides studierte Betriebswirte, wussten nach Überzeugung des Gerichts also schon früh, was dem Unternehmen drohte. "Sie waren keine wirtschaftlichen Laien", sagt Martis. Immer montags, so das Gericht, tagte der Familienrat in der Firmenzentrale, ließ sich alle Zahlen über Bankendaten oder Lagerbestände vorlegen. 

Möglicherweise wussten die Schleckers schon seit 2009 über die drohende Insolvenz Bescheid. In diesem Jahr ließ Anton Schlecker die Familienvilla in Ehingen an seine Frau Christa überschreiben, einschließlich eines Tennisplatzes. Beweisen lasse sich diese frühe Erkenntnis aber nicht, so Martis.