Es gab da diesen Laden, Anfang der Achtziger in einem Hamburger Einkaufszentrum. Er war nicht wie andere Läden an diesem aseptischen Ort eines aseptischen Jahrzehnts. Dunstig, ansteckend, feuchtwarm warf er trübes Rot- statt kühles Neonlicht vors Schaufenster und rief mit jedem Watt der abgedimmten Lichtkegel: Hereinspaziert und fort mit euch! Väter zogen die Hüte tiefer, Mütter die Brauen höher, beide die Kinder beiseite, bloß raus aus dem Bann einer Frau, die damals mehr als jede andere im Land des verblassten Wirtschaftswunders für Verfall und Fortschritt, Tugend und Verderben, Sieg und Niedergang der immer noch ziemlich jungen Bundesrepublik stand.

Beate Uhse: Im Ohr eines Jungen kurz vorm Absprung in die Pubertät klang schon der Name nach purer Triebabfuhr. Uhse. Busen. Uiuiui. Man senkte den Blick, man ging gar nicht rein, zur Erotikkönigin aus Flensburg. Allem Anschein nach wäre man ja auch der Erste. Denn nie, niemals öffnete sich die Tür zum blickdicht verhangenen Verkaufsraum, weder von innen noch von außen. Never. Und so blieb Beate Uhse ein Mysterium. Für einen Teenager in spe sowieso, aber auch für alle anderen. Von dieser Frau und ihrem Business ließ das Land kollektiv die Finger. Komisch nur, dass es damit dennoch über Jahrzehnte hinweg so sensationell viel verdient hat, zumindest bis vor Kurzem. Denn die Beate Uhse AG, so sieht es aus, ist jetzt pleite.

Die am Freitag angekündigte Insolvenz hat zutiefst digitale Gründe. Im analogen Zeitalter lief es super beim Versandhaus Beate Uhse, das 1981 – genau 30 Jahre nach seiner Gründung – in eine Aktiengesellschaft verwandelt worden war. Die Grundausstattung der "Ehehygiene" nachkriegsprüder Jahre war damals bereits auf ein Angebot zu vielerlei Aspekten der Sexualität angewachsen. Von der Gleitcreme bis zum Gangbangporno, vom Rüschennegligé bis zur Sadomasopeitsche, von Intimrasursets bis Riesendildos gab es in der wachsenden Zahl von Shops alles, was die Säfte fließen ließ. Nur eins gab es nicht: gutes Renommee.

Woher auch. Ein Sexshop wird noch heute mit Pornografie gleichgesetzt, und die wiederum mit allem, was in der #MeToo-Debatte derzeit gerade breitenwirksame Aufmerksamkeit erzielt: Männermacht und Frauenverachtung, zugespitzt auf den Akt körperlicher Vereinigung. 1981 mag Vergewaltigung in der Ehe legal gewesen sein, Homosexualität in Teilen strafbar, und für Kinder gabs vielerorts noch Dresche, wenn sie beim Masturbieren erwischt wurden. Doch auf das globale Milliardengeschäft der promiskuitiven Fleischbeschau blickte das bürgerliche Anstandsbewusstsein mit ähnlicher Abscheu wie der feministische Befreiungsfuror einer Alice Schwarzer.

Für den gemeinsamen Lustgewinn

Dabei hätte Beate Uhse bestens zwischen die zwei Pole gepasst, als Vermittlerin, als Ventil, als Puffer. Die gelernte Pilotin, eine der wenigen Unternehmerinnen, die es im rückständigen Deutschland nach 1945 ohne männlichen Beistand zu wirtschaftlichem Erfolg gebracht hatte, empfand sich zeitlebens als Vorkämpferin der Gleichberechtigung. Sexualität war für die Anhängerin der Freikörperkultur vor allem ein Weg zum gemeinsamen Lustgewinn unter Gleichberechtigten und damit das Gegenstück zur herrschenden Sexualmoral, die einzig der Fortpflanzung und Männerfreuden diente.

Hätte es 2004, fünf Jahre nach dem Börsengang, bei der Eröffnung des ersten Sexshops für Frauen namens Mae B in Hamburg schon den Begriff Femizissmus gegeben – die weibliche Selbstermächtigung also, zugleich unabhängig und liebestoll zu sein, sexy und stark –, wäre der Branchenprimus Beate Uhse spätestens dann auch für die seriöse Meinungsführerschaft im Erotikfach reif gewesen. Leider wurde dieses Fach in der Form, die den Konzern einst groß gemacht hatte, gerade ausgeräumt. Seit selbst im Vorabendprogramm sichtbar gevögelt wird und YouPorn und Co. der Sexualität das letzte Mysterium nehmen, ist Sexualität ein bisschen zu sehr zur Massenware geworden, um noch ein gutes Geschäft zu sein.

Die Beate Uhse AG mag den Pornokabinenmuff ihrer Läden oberflächensaniert und ihren Onlineauftritt internetaffin in "bu. be you" umbenannt haben. Doch eingeklemmt zwischen Craftkultur und Kaufhaussterben, Toys-Boutiquen und Oversexing half nicht mal ein nettes ZDF-Biopic mit Franka Potente aus der Misere, geschweige denn alle Logistikoffensiven oder Ladies Nights genannte Vibrator-Tupperabende. 

Nach 66 zusehends ertraglosen Jahren steht nun jenes Label, das 98 Prozent aller Deutschen kennen, ausgerechnet zu einem Zeitpunkt vor dem Aus, zu dem die allermeisten ihren Frieden mit dem Sittenverfall gemacht haben. Der Umsatz dürfte wohl erstmals nur achtstellig ausfallen. Der Vorsteuerverlust liegt bei sechs Millionen Euro, der Aktienkurs ohnehin am Boden. Der Insolvenzantrag ist jetzt gestellt, wenngleich in Eigenverwaltung: Beate Uhse steht vor dem Aus. Mit dem Unternehmen vergeht ein Stück Nachkriegsgeschichte, die man sich ohne die Schlüpfrigkeiten aus Flensburg kaum vorstellen kann. Zu der gehörten auch: Telefonzellen, Bratensoße oder Rauchen beim Arzt. Alles hat seine Zeit.