Eigentlich sollte es die turbulenteste Siemens-Hauptversammlung seit Jahren werden. Weil aufgebrachte Beschäftigte des Konzerns mit Tumult gedroht hatten, stehen an diesem Morgen etliche Polizisten mit ihren Hunden vor der Münchener Olympiahalle parat. Doch treffen sie auf nur etwa 100 Beschäftigte, die weitgehend stumm protestieren. In gelben und pinkfarbenen Warnwesten stehen sie Spalier vor dem Eingang der Halle, gelegentlich bläst einer in seine Trillerpfeife. Unter den Demonstranten ist ein Trupp von 35 Mitarbeitern, die über Hunderte Kilometer angeradelt gekommen sind. Aus Görlitz, dem Gasturbinenwerk, das der Konzern bald schließen will. In München wollen sie zeigen: Wir haben noch viel Energie! Wir kämpfen für unsere Arbeitsplätze!

Auch ihre Kollegen aus Erfurt und Offenbach – Standorten, an denen Siemens ebenfalls massiv Stellen streichen will – halten nur stumm Schildchen in den Händen: "Wir sind Siemens – und wollen es auch bleiben." Das aber lässt sie der Konzern bald nicht mehr.

Im November kündigte Siemens an, rund 6.900 Stellen weltweit zu streichen, davon rund die Hälfte in Deutschland. Dabei zeigen die Geschäftszahlen von 2017, dass der Konzern das zweite Rekordjahr schreiben konnte. Der Gewinn von Siemens stieg um elf Prozent auf 6,2 Milliarden Euro. Joe Kaeser, Vorstandschef des Konzerns, betont an diesem Morgen in München diverse Male: "Siemens steht so gut da wie noch nie." Dabei kann er sich ein zufriedenes Lächeln nicht verkneifen.

Dennoch will das Unternehmen Tausende Stellen streichen und bei der Kraftwerkssparte "schmerzliche Einschnitte vornehmen", wie es Vorstand und Aufsichtsrat nennen. Denn beim Kraftwerks- und Turbinenbau läuft das Geschäft schlecht. Ziemlich schlecht. "Beträchtliche Personalrestrukturierungsaufwendungen" werde es geben, so steht es im Geschäftsbericht. Geschlossen werden sollen die Werke in Görlitz und Leipzig, Kürzungen werde es in Offenbach und Berlin geben, das Werk Erfurt soll verkauft werden. Dies bezeichnete SPD-Chef Martin Schulz im November als verantwortungslos und wetterte: "Damit wir noch ein bisschen mehr Gewinn machen, schmeißen wir die Leute raus. Das ist asozial."

Gewerkschafter kritisieren "Raubtierkapitalismus"

Dann saß Kaeser vergangene Woche beim Weltwirtschaftsgipfel in Davos auch noch neben US-Präsident Donald Trump beim Dinner und sagte in die Kameras, Siemens beglückwünsche Trump zur Unternehmenssteuerreform (durch die dem Konzern tatsächlich rund 20 Milliarden Euro an Abgaben erspart bleiben) und werde seine neue Generation Gasturbinen in den USA fertigen. Das war zwar schon seit Juni bekannt. Dennoch empfanden viele Beschäftigten in den bedrohten deutschen Werken die Aussagen des Siemens-Chefs als Hohn.  

In Deutschland werden Jobs abgebaut, während man sie Trump und den USA nun hinterherwirft? "Ist das wirklich sein Ernst?", fragen IG-Metaller in München und kritisieren den "Raubtierkapitalismus". Am Rednerpult macht Rechtsanwältin Daniela Bergdolt, die Vertreterin der Aktionärsvereinigung DSW, ihrem Ärger Luft: "Herr Kaeser, ich möchte Sie gern in die Verantwortung nehmen: Suchen sie eine andere Lösung." Der Konzern hätte besser kommunizieren müssen, "und Ihre Äußerungen beim Trump-Dinner waren nicht gerade geeignet, die Wogen zu glätten", greift sie den Konzernchef direkt an. Applaus brandet auf, manche pfeifen Beifall. 

Mensch und Marge müssen im Einklang stehen

Einige Aktionärsvertreter fordern, den Vorstand, insbesondere Kaeser bei der Abstimmung nicht zu entlasten. Der angekündigte Stellenabbau sei nicht nur unglücklich kommuniziert worden, sondern es sei nicht zu verantworten, in strukturschwachen Regionen Stellen zu streichen, während gleichzeitig Milliardengewinne erzielt werden. Das rufe doch Zweifel an der Gesellschaftsordnung hervor. Winfried Mathes von der Dekabank sagt: "Mensch und Marge müssen im Einklang stehen. Man darf nicht alles der Rendite unterordnen, aber auch nicht den Erfolg des Unternehmens riskieren." Das sind dann aber auch schon die härtesten Angriffe auf Joe Kaeser.

Der wirkt an diesem Morgen mal ruhig, mal angespannt. Und er greift die Vorwürfe in seiner Rede auf: Es habe einen massiven Einbruch im Bereich konventioneller Kraftwerke gegeben, der Umsatz sei zurückgegangen, die Gewinne sogar um die Hälfte geschrumpft. "Die Geschäftsentwicklung zeigt, dass Handlungsbedarf bei Power und Gas notwendig ist, ja sogar dringlicher geworden ist." Das sei nicht nur eine vorübergehende Markteintrübung und auch kein Siemens-Problem, sondern ein grundlegender Strukturwandel. Und den dürfe Siemens nicht verschlafen – so wie es vor Jahren den Wandel des Telekommunikationsgeschäfts verpasst habe.