Es ist eine spezielle Beziehung zwischen Li Shufu und Daimler. Als der heute 54-Jährige vor 20 Jahren mit seinem Unternehmen Geely die Lizenz zum Autobauen erhielt, ähnelte sein erstes Automodell auffällig einem Mercedes. Technisch konnte der Haoqing (übersetzt "Erhabenes Gefühl") zwar nicht mit dem schwäbischen Vorbild mithalten, aber vielen Chinesen reichte der Mercedes-Look schon. Das Plagiat brachte Geely eine Urheberrechtsklage von Daimler ein. Zaoche Fengzi nannten viele Chinesen daraufhin Li Shufu, auf deutsch übersetzt "verrückter Autobauer".

Jetzt ist Li mit Geely zum größten Anteilseigner des Stuttgarter Traditionskonzerns aufgestiegen. Überraschend hat sich der Gründer, Mehrheitseigner und Vorstandschef von Geely rund 9,7 Prozent der Daimler-Aktien gesichert. Das geht aus einer Stimmrechtsmittelung hervor, die am Freitagabend veröffentlicht wurde. Etwa sieben Milliarden Euro hat Li geschätzt investiert. Damit wird ein chinesisches Unternehmen erstmals größter Einzelaktionär des Stuttgarter Autobauers und löst den Staatsfonds Kuwait ab.

Das Engagement sorgt in Stuttgart für Irritationen, das Handelblatt schreibt sogar, das Management sei "kalt erwischt" worden. Es sei nicht darauf vorbereitet gewesen, dass Li mithilfe von Finanztricks so viele Aktien zusammengekauft habe. Daimler fürchte, dass nun ein Investor Einfluss nehmen wolle, der nicht nur einen Platz im Aufsichtsrat verlangen könnte, sondern auch eine stärkere Kooperation im Bereich Elektromobilität. Am Wochenende ist Li bereits nach Stuttgart gereist, um sich mit der Daimler-Spitze zu treffen. Am heutigen Montag soll er sich laut Handelsblatt mit Daimler-Chef Dieter Zetsche treffen, am Dienstag trifft er offenbar Angela Merkels Wirtschaftsberater, Lars-Hendrik Röller.

"Glück und Gewinn"

Geely heißt übersetzt "Glück und Gewinn" – und beschreibt recht gut Lis berufliche Laufbahn. Der Sohn eines südchinesischen Reisbauern aus Hangzhou lieh sich mit 18 Jahren von seinem Vater 120 Yuan (nach heutiger Kaufkraft etwa 100 Euro), kaufte sich eine Kamera und begann seine Berufslaufbahn als Fotograf, einem absoluten Nischenberuf im China der Achzigerjahre. Danach versuchte er sich mit dem Recyling von Elektroschrott, gründete mit Freunden eine Kühlschrankfabrik, stellte Motorräder für Taiwan her.

Zum Autobau kam er erst 1998, als er eine Lizenz erwarb. Zwanzig Jahre später ist Geely mit 1,24 Millionen verkauften Wagen im vergangenen Jahr der erfolgreichste private Autobauer in China. Im Jahr 2020 will Li sogar zwei Millionen Autos im Jahr in China verkaufen.

Auch im Ausland ist er aktiv. Im Jahr 2010 erwarb er für 1,8 Milliarden Euro die schwedische Marke Volvo. Für den heruntergewirtschafteten schwedischen Autobauer war das damals ein Glücksfall, der Vorbesitzer Ford hatte Volvo an den Rand des Ruins gebracht.

Der Einstieg der Chinesen gilt als Erfolgsbeispiel: Zwar werden viele Volvos nun in China produziert, aber Volvo hat sich auf dem weltweiten Automarkt wieder etabliert – und trägt zu Geelys jüngsten Rekordumsätzen bei. Auch in die britische Sportwagenmarke Lotus hat Li investiert. Mit der neuen Volvo-Marke Lynk & Co will Geely ab kommendem Jahr den europäischen Automarkt mit einem Hybridmodell erobern.

17 Milliarden Euro Vermögen

Das chinesische Luxusforschungsinstitut Hurun nennt Li bereits "Chinas Autokönig" und sieht ihn auf Platz zehn der reichsten Chinesen. Im vergangenen Jahr hat sich sein Vermögen laut US-Magazin Forbes auf 17 Milliarden Dollar mehr als verdreifacht. Offiziell ist Geely zwar ein privatwirtschaftlich geführtes Unternehmen. Li Shufu macht aber keinen Hehl aus seiner Nähe zur kommunistischen Führung. Er ist KP-Mitglied und hat einen Sitz in der Politischen Konsultativkonferenz, offiziell einem der höchsten Gremien in China. "Chinesische Unternehmer müssen sich klar der Parteiführung und der Regierung unterwerfen", hat er einmal gesagt. Auch wenn er selbst keine klaren Worte scheut, bei Journalisten sieht er das anders: Auf Pressekonferenzen fällt er öfter aus der Rolle und macht keinen Hehl daraus, dass er sich über allzu kritische Fragen von Journalisten ärgert.

Strategischer Investor

Warum aber steigt Li nun bei Daimler ein? Unmittelbar dürfte ihm der Anteil wenig Nutzen bringen. Geely hat weder Zugriff auf die Technik der Stuttgarter noch Ansprüche auf eine Zusammenarbeit in der Produktion. Im Gegenteil: In China hat Daimler mit den Geely-Konkurrenten BYD und BAIC bereits zwei chinesische Kooperationspartner und plant auch nicht, daran etwas zu ändern. Erst am Montag kündigten die Stuttgarter an, gemeinsam mit BAIC umgerechnet rund 1,5 Milliarden Euro in Elektroautos für den chinesischen Markt zu investieren. So wollen die Konzerne die strenge Quotenvorgabe erfüllen, die ab dem kommenden Jahr in China gilt. 

Also scheint Daimler für Li ein strategisches Investment zu sein. Offiziell heißt es zwar, Li wolle in Stuttgart nur über einzelne Projekte sprechen, etwa die Standardisierung von Batterien für Elektroautos. Medien berichten aber, dass er bei dem Treffen den neuen Partnern klarmachen wolle, dass er sich als ein "langfristig orientierter Investor" verstehe. Er freue sich, "Daimler auf dem Weg zu einem der weltweit führenden Anbieter von Elektromobilität zu begleiten".

Autonomes Fahren und Elektromobilität

Für Li bedeutet das vor allem, die aktuellen Trends nicht zu verpassen. "Die Wettbewerber, die uns im 21. Jahrhundert technologisch herausfordern, kommen nicht aus der Autoindustrie", sagt er. Die Zukunft sei autonomes Fahren und Elektroantriebe. Hier bräuchten die traditionellen Autobauer Partner, um "Eindringlingen von außen" wie Google, Tesla und Uber zu begegnen. Es sind neue Zeiten für die Stuttgarter, so viel Einsatz seitens eines Großaktionärs ist Daimler bislang nicht gewohnt. In den kommenden Monaten wird sich zeigen, wie die Stuttgarter damit klarkommen.