Zugetraut hätte man Lidl die Sache mit den Gebrauchtwagen durchaus. Als dieser Tage die Meldung umging, der Discounter werde seine ausrangierten Firmenwagen künftig im eigenen Autohaus an Kunden veräußern, staunten zwar selbst Handelsexperten. Aber im Grunde überraschte es Marktbeobachter nicht groß.

Zwar hat sich der baldige Lidl-Gebrauchtwagenhandel als Falschmeldung erwiesen – der Mutterkonzern, die Schwarz-Gruppe, teilte mit, man werde die genutzten Dienstwagen "zu einem überwiegenden Teil über Großhändler" weiterverkaufen, ein eigenes Gebrauchtwagenzentrum werde es nicht geben. Doch immerhin sorgte die Nachricht für Aufsehen.

Genau danach streben die Handelsketten derzeit – weil Aufmerksamkeit das Einzige ist, was sie im Kampf um die Kunden hierzulande weiterbringt, wie der Handelsexperte Matthias Queck von der Analyseplattform LZ Retailytics erklärt: "Der Lebensmittelmarkt ist längst zu einem Aufmerksamkeitsmarkt geworden. Früher schalteten die Supermärkte bloß Schweinebauchanzeigen; heute versucht jeder, durch Innovationen oder Gimmicks auf sich aufmerksam zu machen." Etwa durch den Verkauf einer Anastacia-Fashionkollektion oder von Günther-Jauch-Wein.

Der bisher größte Mediencoup ist dabei Aldi Nord gelungen. Aldi baue jetzt Wohnungen, kündigte der Discounter vor wenigen Wochen an. In Berlin will er einige seiner typischen Flachdachfilialen umbauen und mehrgeschossige Wohnhäuser drumherum errichten. Das soll der von Wohnungsnot geplagten Hauptstadt zu mehr Mietwohnungen verhelfen – so kommunizierte es Aldi öffentlich. Und das verkündete Vorhaben hat zudem den praktischen Nebeneffekt, dass Läden und Kunden näher zusammenwachsen, ja, künftig sogar unter einem Dach stecken.

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Die Rückkehr von der grünen Wiese

Die "physische Nähe zum Kunden" gelte inzwischen nämlich als entscheidende "Kernleistung und Alleinstellungsmerkmal" von Aldi, Lidl und den anderen Wettbewerbern, sagt Andreas Krämer, Professor für Kundenbeziehungsmanagement und Strategieberater für den Handel. Denn das Geschäft mit den Lebensmitteln hat sich erheblich geändert. In den 1980er-Jahren breiteten sich die Ketten in den Innenstädten aus, mit kleineren Läden von 300 oder 400 Quadratmetern. In den 1990er-Jahren eröffneten sie immer mehr monströse Filialen auf der grünen Wiese, aber mit Großparkplätzen. Das Wachstum dieser Filialen stößt inzwischen an Grenzen. Zudem ziehen immer mehr Menschen wieder in die Stadtzentren, deshalb zieht es auch die Supermärkte und Discounter wieder dorthin.

Das Problem ist nur: Der Platz in den Stadtzentren ist begrenzt. Deswegen müssen sich die Lebensmittelketten etwas einfallen lassen. Sie müssen entweder darauf warten, dass etwa große Textilketten weichen und Flächen freimachen. Oder sie müssen bei Großumbauten aufspringen, wenn etwa große Büroimmobilien zu Einzelhandelsflächen umgebaut werden, wie bei der historischen Hopfenpost in München. Oder eben selber bauen.

"Es ist bemerkenswert, was für einen Aufwand die Discounter betreiben, nur um in Großstädten wieder näher an die Kunden zu kommen", findet auch Queck. "Im Grunde haben sie die Wiedereinkehr in die Innenstädte jetzt nur zu einem Medienevent gemacht" – damit sie den Kunden nicht entgeht.

Denn der Wettbewerb der klassischen Lebensmittelverkäufer ist erheblich härter geworden. Der ständige Preiskampf untereinander führt nur noch zu hauchdünnen Margen. So sind immer mehr Käufer nötig, um wenigstens über steigende Umsätze noch zu wachsen. Längst hat eine Konzentrationswelle die Branche auf vier große Teilnehmer reduziert: Aldi, Lidl, Edeka und Rewe. Neuerdings aber mischt ein neuer Konkurrent mit – und das ist ausgerechnet der Weltkonzern Amazon. Er will mit seinem Onlinelieferdienst Amazon Fresh den hiesigen Lebensmittelmarkt aufmischen. Und das ist die große Gefahr, sagt Handelsexperte Queck: "Derzeit wird alles getrieben von der Angst vor Amazon."