Alain Dehaze ist seit September 2015 der Vorstandsvorsitzende der Adecco-Gruppe, dem weltweit größten Anbieter für Personaldienstleistungen. Das Schweizer Unternehmen hat 34.000 Mitarbeiter in 60 Ländern und mehr als 5.000 Filialen. 

ZEIT ONLINE: Herr Dehaze, der Arbeitsmarkt ist selbst für Geringqualifizierte in vielen Teilen Deutschlands leergefegt. Fokussiert sich die Zeitarbeitsbranche deshalb jetzt auf Flüchtlinge?

Alain Dehaze: Wir wollen allen Menschen in den Arbeitsmarkt helfen – egal ob Deutscher oder Flüchtling. Wenn wir aber schon über Flüchtlinge reden: Wir wollen Deutschland dabei helfen, das Demografieproblem zu verringern und diese Menschen in Jobs zu bringen. Zeitarbeit eignet sich sehr gut, um sie zu integrieren, auch in ihr soziales Umfeld.

ZEIT ONLINE: Welche Branchen brauchen gerade am dringendsten Personal und können auch gut mit Flüchtlingen zusammenarbeiten?

Dehaze: Meistens sind das allein aufgrund der geringen Sprachkenntnisse schon Stellen, die eine niedrige Qualifikation oder nur einfache technische Fähigkeiten erfordern. Das erleichtert den Einstieg erheblich. Das kann zum Beispiel in der Logistik oder in der Produktion sein. Aber auch im Bau und im Handel gibt es einen Personalmangel.

ZEIT ONLINE: Wäre es nicht besser, diesen Menschen erst mal eine Ausbildung zu vermitteln, statt sie in die Zeitarbeit zu stecken?

Dehaze: Die Flüchtlinge sollten so schnell wie möglich in ein geregeltes Arbeitsumfeld – sei es nun Zeitarbeit oder eine Ausbildung. Nur so kann Integration funktionieren. Es ist enorm deprimierend für diese Menschen, die teilweise ja sehr gute Kompetenzen mitbringen, wenn sie lediglich rumsitzen, warten, während wir händeringend Leute brauchen. Auch die Sprache lernt man viel besser mit einem Job.

ZEIT ONLINE: Wie viele geflüchtete Menschen haben Sie bisher in Arbeit gebracht?

Dehaze: In Deutschland waren es zuletzt mehr als eintausend Flüchtlinge, die wir gemeinsam mit deutschen Firmen in den Arbeitsmarkt integrieren konnten.

Alain Dehaze, Vorstandsvorsitzender der Adecco-Gruppe © Simon Dawson/Getty Images

ZEIT ONLINE: Wo finden Sie diese Menschen?

Dehaze: Meistens kommen die Leute zu uns. Allein in Deutschland unterhalten wir 370 Niederlassungen. Dort können wir Kompetenzen der Menschen prüfen. Auch wenn keine Zeugnisse oder Abschlüsse vorhanden sind, hören wir uns erst einmal an, welche Fähigkeiten sie anbieten können. In Frankreich haben wir die sehr interessante Erfahrung gemacht, dass Flüchtlinge aus Syrien in den Aufnahmelagern während der langen Wartezeiten eine Menge gelernt haben. Fliesen legen zum Beispiel oder Autos reparieren.

ZEIT ONLINE: Sind mangelnde Sprachkenntnisse kein Hindernis?

Dehaze: Sprachkenntnisse sind wichtig. Wir empfehlen unseren Kunden, die Sprache zusammen mit der notwendigen Kompetenz direkt im Job zu vermitteln. Die Leute sollen Deutsch praktisch am Arbeitsplatz lernen. Wenn man als Unternehmen einen Fahrzeugmechaniker braucht, soll man den Leuten ein oder zwei Stunden am Tag die Sprache und das entsprechende Vokabular beibringen. Natürlich braucht es am Anfang außerhalb der Unternehmen Sprachkurse für die Basiskenntnisse. Dann kommen wir ins Spiel und finden für diese Menschen einen Job. Wir führen sie an die Unternehmen heran und begleiten sie dann weiterhin.

ZEIT ONLINE: Man hört aber auch häufig von kulturellen Problemen, wenn Flüchtlinge in einen neuen Job kommen. Wie spüren Sie das?

Dehaze: Es gibt immer kulturelle Unterschiede, nicht nur bei Flüchtlingen. Ein Deutscher ist kein Franzose und kein Italiener. Man muss sich anpassen, ganz klar. Man muss lernen und verstehen, wie die lokale Kultur funktioniert, was wichtig ist und was man respektieren muss. Arbeit hilft bei dieser Integration.