Die Deutsche Bank tauscht nach drei Verlustjahren in Folge ihren Chef aus und stellt die Führungsspitze neu auf. Der 47-jährige Christian Sewing, einer der beiden Stellvertreter des bisherigen Vorstandsvorsitzenden John Cryan, wird die Bank ab sofort leiten, wie das größte deutsche Geldhaus am Sonntagabend nach einem Krisentreffen des Aufsichtsrats mitteilte.

Sewing wird der jüngste Vorstandschef in der fast 150-jährigen Geschichte des einstigen deutschen Vorzeige-Instituts und der erste der Nachkriegszeit, der seine Wurzeln im weniger glamourösen Privatkundengeschäft hat. Der Westfale verbrachte fast seine gesamte Karriere bei der Deutschen Bank. Er gilt dort als bestens vernetzt, als Chef der internen Revision und Risikomanager hatte er während seiner Laufbahn auch Kontakt mit den Investmentbankern.

"Christian Sewing hat in seinen mehr als 25 Jahren bei der Deutschen Bank konstant bewiesen, dass er führungsstark ist und eine große Durchsetzungskraft hat", erklärte Aufsichtsratschef Paul Achleitner nach der rund vierstündigen Sitzung des Kontrollgremiums. "Der Aufsichtsrat ist überzeugt, dass es ihm und seinem Team gelingen wird, die Deutsche Bank erfolgreich in eine neue Ära zu führen."

Mit der Berufung von Sewing und dem Abgang Cryans wird auch die übrige Führungsstruktur der Bank verändert. Unterhalb von Sewing werden Rechts- und Personalvorstand Karl von Rohr und Garth Ritchie, bislang Co-Chef und künftig alleiniger Leiter der Investment- und Firmenkundenbank, zu stellvertretenden Vorstandschefs befördert. Postbank-Chef Frank Strauß übernimmt von Sewing die alleinige Leitung des Privatkundengeschäfts, das er bislang gemeinsam mit dem neuen Bankchef verantwortete. Marcus Schenck, der bislang gemeinsam mit Sewing Stellvertreter Cryans und gemeinsam mit Ritchie Chef der Investmentbank war, verlässt das Institut.

Schenck habe für eine Position innerhalb der neuen Führung nicht zur Verfügung gestanden, erklärte Achleitner. Er habe den Aufsichtsrat bereits vor Ostern darüber informiert, dass er zur Hauptversammlung am 24. Mai aus der Bank ausscheiden wolle.

Investoren äußern sich zurückhaltend

Der Wechsel an der Spitze hatte sich in den vergangenen zwei Wochen abgezeichnet, nachdem Cryan nach einer neuerlichen Gewinnwarnung und einem Absturz des Aktienkurses immer mehr unter Druck geraten war. Vor Ostern war dann bekannt geworden, dass Achleitner nach einem Nachfolger für Cryan sucht. Cryan hatte danach zwar bekräftigt, bleiben zu wollen. Rückendeckung aus dem Aufsichtsrat oder von Achleitner persönlich hatte er jedoch nicht bekommen. Nun wird er die Bank Ende des Monats verlassen.

Cryan war Mitte 2015 Nachfolger von Anshu Jain geworden und sollte die Bank sanieren, was ihm zum Teil auch gelang. Vor allem zahlreiche teure Skandale legte der 57-jährige Brite zu den Akten. Das Institut zurück auf die Gewinnspur zu führen, gelang ihm jedoch nicht.

"Trotz seiner relativ kurzen Amtszeit als Vorstandsvorsitzender hat John Cryan eine wichtige Rolle in der fast 150-jährigen Geschichte der Deutschen Bank gespielt und Weichen für eine erfolgreichere Zukunft des Hauses gestellt", erklärte Achleitner. "Der Aufsichtsrat ist nach einer umfassenden Analyse aber zum Schluss gekommen, dass es nun eine neue Umsetzungskraft in der Führung unserer Bank braucht."

Investoren äußerten sich in ersten Reaktionen zurückhaltend zu den Personalveränderungen: "Die Deutsche Bank sollte jetzt die Chance nutzen, ihre Strategie noch einmal auf den Prüfstand zu stellen", sagte Fondsmanager Ingo Speich von Union Investment, einem der größeren Aktionäre der Bank. "Insbesondere im Investmentbanking gibt es Anpassungsbedarf, eine stärkere Fokussierung ist dort unvermeidlich."