Fast 20 Minuten wartet Erika Müller* geduldig, bis sie an der Kasse zahlen kann, so groß ist der Andrang in dem kleinen Laden. In ihrem Einkaufskorb liegen Bio-Dinkel-Penne, Gemüseaufstrich, eine Tafel Schokolade und eine Tüte Chips. Nur knapp einen Euro muss sie dafür bezahlen, regulär wären es sicherlich mindestens sieben, acht Euro. Dabei kommt das Gemüse von einem Biohof aus der Region und Schokolade und Chips sind fair gehandelt. "Hier gibt es immer gute Sachen, die man sonst nur teuer im KaDeWe kaufen kann", sagt die 71-Jährige. Einziges Manko: Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist überschritten.

Willkommen in Deutschlands erstem und bislang einzigem Rettermarkt für Lebensmittel. Er heißt "SirPlus", ein Wortspiel aus dem englischen Wort surplus ("Überschuss") und der Vorsilbe Sir, angelehnt an Service. Hier werden Lebensmittel verkauft, die eigentlich im Müll gelandet wären und daher im Schnitt nur die Hälfte kosten. Die meisten Produkte haben das Mindesthaltbarkeitsdatum fast oder kürzlich überschritten, andere entsprechen nicht der Norm: Die Spargelspitzen haben Druckstellen, die Mohrrüben sind zu klein und krumm. 

Um es gleich vorwegzunehmen: Abgelaufene Lebensmittel zu verkaufen, ist legal. "Ein Mindesthaltbarkeitsdatum ist kein Verbrauchsdatum", heißt es auf großen Schildern im Geschäft. Der Verkäufer muss aber überprüfen, ob die Ware noch genießbar ist, und sie entsprechend kennzeichnen. Daher steht das Mindesthaltbarkeitsdatum auch direkt neben dem Preis.

Der kleine Laden in Berlin-Wilmersdorf hat einen Nerv getroffen: Seit der Eröffnung im Herbst 2017 kämen täglich mehrere Hundert Menschen, erzählt Gründer Raphael Fellmer. Der 34-Jährige hilft gerade seinem Mitarbeiter, einem jungen Mann aus Syrien, Biochips in ein Regal zu räumen. Die Snacks sind beliebt und ziehen Kunden ins Geschäft – wie den Studenten, der gleich zehn Tüten für die nächste WG-Party mitnimmt. "Die halten sich ewig und kosten sonst vier Euro pro Tüte, hier kriege ich sie für 30 Cent", sagt er. Fellmer grinst, gibt dem Mann die Hand und sagt: "Danke, dass du hier warst."      

Ein Outlet für Nahrungsmittel

SirPlus funktioniert wie ein Lebensmittel-Outlet: Das Unternehmen kauft die ausrangierte Ware günstig ein und verkauft diese weiter. Die Produkte stammen in der Regel direkt von Erzeugern sowie von Groß- und Einzelhändlern, beispielsweise der Handelskette Metro. Für die ist die Kooperation mit dem Start-up unkompliziert: Die Essenretter holen die Waren ab und zahlen sogar noch ein "kleines Entgelt" dafür. Die Supermärkte sparen so die Entsorgungskosten. "Außerdem können sie etwas für einen nachhaltigen Umgang mit Ressourcen und ihre soziale Verantwortung tun", sagt Fellmer. Bevor er mit Unternehmen kooperiere, schaue er sich deren Geschäftsmodell genau an – schließlich wolle er nicht, dass Konzerne die Kooperation mit seinem Retterladen als bloßes Greenwashing missbrauchten.

Lebensmittel - Per App Mahlzeiten retten In Deutschland landen laut WWF jährlich 18 Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll. Unser Video zeigt, wie Apps versuchen, Anbieter und Verbraucher zusammenzubringen. © Foto: Bart Biesemans

Aber nimmt SirPlus nicht den Tafeln die Grundlage weg? Schließlich sind die Sozialprojekte auch auf Essensspenden angewiesen. Kundin Müller erzählt, dass sie nur eine kleine Rente erhalte, die knapp über der Grundsicherung liege. Zu einer Tafel für Bedürftige würde sie nicht gehen – da sei die Scham zu groß. Auch Fellmer weist den Verdacht zurück. Zum einen hole SirPlus Lebensmittel von den Kooperationspartnern erst dann ab, wenn die Tafeln bereits da waren. Zum anderen spende man selbst wiederum einen Teil der Ware. Außerdem dürften viele der Tafeln gar keine Nahrungsmittel mit abgelaufenem Mindesthaltbarkeitsdatum annehmen. "Viele unserer Partner haben so große Chargen, dass die Tafeln schon wegen der ungeheuren Mengen passen müssen", sagt der Gründer.

Auch der Handelskonzern Metro, der schon seit Jahren die Tafeln beliefert, betont, dass SirPlus anderen Sozialprojekten keine Konkurrenz mache. Der Händler will bis 2025 seine Warenverschwendung um die Hälfte reduzieren. Dafür sei die Kooperation mit dem Retterladen eine sinnvolle Ergänzung zu den Tafeln, erklärt Metro.