Ausgerechnet an dem Tag, als auf der VW-Hauptversammlung in Berlin viel von einem Neubeginn die Rede war, davon, dass man nun in die Zukunft schauen und künftig brav die Gesetze einhalten wollte – am gleichen Tag holte die Vergangenheit den VW-Konzern mit der Präzision einer Abschaltautomatik wieder ein. Martin Winterkorn, neben Ferdinand Piëch ein Jahrzehnt lang die Überfigur des Konzerns, wird in den USA angeklagt, und selbst der US-Justizminister Jeff Sessions kommentierte den Fall: "Wer versucht, die Vereinigten Staaten zu betrügen, wird einen hohen Preis zahlen."

Für Volkswagen stimmt das längst. Über 20 Milliarden Dollar haben den Konzern Vergleiche und Schuldeingeständnisse bislang gekostet. Aber wird auch Martin Winterkorn einen hohen Preis zahlen müssen und für seine Taten ins Gefängnis gehen? Ein Gerichtssprecher rechnete schon vor, dass im Falle einer Verurteilung bis zu 25 Jahre Haft drohen.

Allein: In der Klageschrift der Staatsanwälte findet sich wenig Neues. Sie insinuiert, dass der damalige Konzernchef Teil einer Verschwörung gewesen sei und kriminelle Straftaten abgesegnet habe. Er soll mindestens seit 2014 von den Abgasmanipulationen in den USA Kenntnis gehabt und diese dann zumindest gebilligt haben. Der Zeitraum deckt sich mit Anschuldigungen, die Rechtsanwälte auch hierzulande seit mehr als einem Jahr erheben. Sie vertreten Kläger, die VW-Aktien seit Mai 2014 in dem Glauben kauften, die Volkswagenwelt sei in Ordnung, und die dann im September 2015 mit einem Kurssturz bestraft wurden. Volkswagen hätte weit vorher die Börse informieren müssen, so der Vorwurf, auf den sich die Milliardenklage der Anleger stützt.

Was wusste Winterkorn?

Hier wie dort wird jedoch deutlich, wie schwierig es noch werden wird, Winterkorn eine direkte Schuld nachzuweisen. Es stimmt wohl, dass eine Handvoll ihm direkt zuarbeitende Mitarbeiter von den Verfehlungen wussten. Aber haben sie ihr Wissen auch an ihren Chef weitergegeben?

Winterkorn hat die Anschuldigungen der US-Umweltbehörden lange als eine Lappalie behandelt. Er hat sie gar nicht ernst genommen. Im besten Fall hat er lange Zeit nicht hinterfragt, wie die fabelhaften Abgaswerte in den USA zustande kamen. Nur: Ist das auch Betrug? Kann man Winterkorn Vorsatz unterstellen? In dem Punkt ist die Klageschrift vergleichsweise dünn.

Während man beim bereits verurteilten Manager Oliver Schmidt recht detailliert nachweisen konnte, wie er bewusst versucht hatte, die US-Behörden zu täuschen, einige Mitarbeiter sogar kurz vor Bekanntwerden des Betrugs noch angelogen hatte, ist das bei Winterkorn nicht so einfach. Die E-Mails, die Schmidt an die Kollegen schrieb, waren laut Staatsanwaltschaft nicht direkt an Winterkorn adressiert. Zwar fällt es schwer anzunehmen, dass der detailversessene und akribische Martin Winterkorn die plötzliche Zulassung des VW-Dieselmotors EA 189 in den USA nie hinterfragte. Aber Bauchgefühl taugt nicht als Beweismittel.

Immerhin: In Deutschland ist Winterkorn – noch – sicher. In einem Auslieferungsabkommen mit den USA ist vereinbart, dass deutsche Staatsangehörige wegen einer dort begangenen Straftat nicht ausgeliefert werden. Das Bundesverfassungsgericht hat zudem festgestellt, dass Auslieferungsanträge bei unerträglich harten Strafen unzulässig sein könnten. Letzteres wird im Falle Winterkorns kaum gelten; Urlaub sollte er dennoch besser im Schwarzwald oder auf Sylt machen. Schon in anderen EU-Staaten könnte es sein, dass die US-Falle zuschnappt. Auch kommt es vor, dass Flüge über die USA umgeleitet werden. Dann wäre Winterkorn sehr wahrscheinlich kein freier Mann mehr. Am besten reist er künftig mit dem Auto. Und bleibt dabei selbst am Steuer.