Eine Bank nach den Regeln des Islam – Seite 1

Auf den ersten Blick ist Insha nur ein Fintech mit einer digitalen Banking-App, modern, schick, übersichtlich. So kennen es deutsche Kunden bereits von N26 (früher: Number 26) oder anderen Finanz-Start-ups. Auf der Website aber macht bereits das fünfte Wort stutzig: zinsfrei. Weiter unten heißt es dann: "Verwalte dein Geld nach deinen Wünschen – und mit deinen Werten!" Spätestens jetzt fällt auf: Insha ist anders als viele Bankingprodukte.

"Insha läuft nach den Regeln des Islamic Banking", erklärt Melikşah Utku, Chef der Albaraka Türk, die das Projekt verantwortet. Bisher gebe es solche Angebote in Deutschland und Europa kaum. Insha ist das erste Start-up und überhaupt erst das zweite Geldhaus in Deutschland, das das Geld seiner Kunden streng nach den Regeln des Islam verwaltet; bisher tut das sonst nur die KT Bank mit Filialen in Berlin, Frankfurt, Mannheim und Köln. KT, ein Tochterunternehmen der Kuveyt Türk Katılım Bankası A.Ş., ist 2015 gestartet, und auch sie sorgte damals für Aufsehen.

Institute, die nach den islamischen Gesetzen handeln, haben strenge Regeln, dürfen beispielsweise keine Zinsen nehmen. Investitionen in Alkohol, Tabak, Waffen oder Glücksspiel sind ebenso haram (verboten) wie Spekulationen, wozu – je nach Auslegung – bereits Aktien gehören können. Wer mit der Kreditkarte einer islamkonformen Bank bei einem Onlinecasino zahlt, muss damit rechnen, dass sein Konto bald gekündigt wird.

Beide Banken, sowohl die KT Bank als auch die Albaraka Türk, erhoffen sich in Europa große Geschäfte – immerhin gibt in der EU mehr als 20 Millionen Muslime und damit viele potenzielle Kunden. Durch die Flüchtlingskrise sind weitere Muslime nach Deutschland gekommen. Bleiben sie länger, und das dürfte auf viele von ihnen zutreffen, werden sie auf kurz oder lang Bankprodukte brauchen. "Unter den Geflüchteten gibt es sicherlich ein großes Potenzial", sagt Osman Sacarçelik, Rechtsanwalt im Bereich Bankaufsichtsrecht und Experte für das islamische Bankwesen bei Deloitte Legal.

Ethische, islamkonforme Investments

Zudem, das betonen beide Banken, sei man eine Bank für alle. In Zeiten, in denen ethische und nachhaltige Investments wichtiger werden, wollen sie auch die Nichtmuslime erreichen. Gerade viele jüngere Bankkunden sollen von der speziellen Art des Banking angezogen werden.

Eine einheitliche Regelung, was islamkonform ist und was nicht, gibt es allerdings nicht. Denn anders als etwa die katholische Kirche hat der Islam kein festes Oberhaupt, das das entscheiden könnte. Stattdessen hat jedes Geldhaus einen Ethikrat (oft in Form von Sharia Boards), der die Geschäfte überwacht. Um ohne Zinsen Gewinne zu machen, gehen die Banken sogenannte Beteiligungsgesellschaften ein. Ein Beispiel: Will ein Kunde ein Haus kaufen, erwerben die Bank und der Kunde es zusammen. Das Geldhaus packt dann einen Finanzierungsaufschlag drauf und der Kunde beginnt, Stück für Stück die Beteiligungen von der Bank zurückzukaufen, bis ihm das Haus am Ende gehört.

Mit Insha wird die KT Bank nun erstmals Konkurrenz in Deutschland bekommen. Der Starttermin für die App steht zwar noch nicht fest, ist aber offenbar für den Juli geplant. Damit Insha hierzulande keine rechtlichen oder technischen Probleme mit der Finanzaufsicht bekommt, hat es sich mit der Solarisbank ein ganz besonderes Fintech ins Boot geholt. Das Berliner Finanz-Start-up hat als eines der wenigen eine Vollbanklizenz. Die stellt es Insha gegen eine Gebühr ebenso zur Verfügung wie die eigene Plattform, die Bankkonten und Zahlungskarten sowie den rechtlichen Rahmen für die Insha-Pläne einer digitalen Bankingplattform. Das heißt, Insha braucht keine eigene Lizenz, muss sich aber dennoch an alle europäischen Bankregeln halten.

"Wir werden nach Europa expandieren"

Dass die Albaraka Türk mit einem Start-up nach Deutschland kommt, hat viele in der Szene überrascht, sagt Sacarçelik von Deloitte Legal. Für unklug hält er den Schritt allerdings nicht. Immerhin leben in Deutschland mehr als vier Millionen Muslime, die als potenzielle Kunden infrage kommen.

"In den ersten drei Monaten wollen wir mit dem Angebot 10.000 Kunden erreichen", sagt Utku von der Albaraka Türk. Nach zwölf Monaten sollen es dann bereits 100.000 sein.

Gerade die türkischstämmigen Muslime seien für Insha interessant. Viele von ihnen haben Eltern, Großeltern oder Onkel und Tanten in der Türkei. Die neue Lösung soll es einfacher machen, Geld zwischen Deutschland und der Türkei zu versenden. Bisher geht das – von Deutschland aus – nur als Auslandsüberweisung, doch das dauert lange und ist teils kostspielig. Sind Absender und Empfänger künftig bei der gleichen Bank, läuft die Überweisung schneller und günstiger.

Deutsche Banken haben sich bislang noch nicht so recht in den islamkonformen Markt getraut. Dabei gab es vor einigen Jahren eine Bewegung in diese Richtung. Damals hatten einige Banken Immobilien nach den Prinzipien des Islam finanziert, insbesondere von institutionellen Anlegern. Die Cominvest legte – wie einige andere Banken auch – einen islamkonformen Fonds auf. Das lief allerdings meist auf Unternehmensebene ab. Im Privatkundengeschäft mit islamkomformen Bankprodukten sahen die deutschen Geldhäuser offenbar kein Potenzial.

Ein "digitaler Lebensbegleiter"

Insha möchte das Gegenteil beweisen. Neben einem Konto, einer Debitcard und der Möglichkeit, Geld von A nach B zu überweisen, will das Start-up weitere Dienste bieten. Über eine Suchfunktion soll der Bankkunde etwa die nächste Moschee oder Restaurants mit Halal-Gerichten finden. Auch den Zakat, eine verpflichtende Spende für Muslime, soll die App berechnen können. So soll Insha zu einem "digitaler Lebensbegleiter" werden, wie es bei der Albaraka Türk heißt. 

"Solche Funktionen gepaart mit dem Fakt, dass eine etablierte, türkische Bank mit einer deutschen Bankingplattform kooperiert – das ist schon jetzt moderner als das, was die meisten deutschen Banken machen", sagt Marko Wenthin, Co-Gründer der Solarisbank.

Deloitte-Experte Sacarçelik, der auch den Bereich Türkei leitet und die Bankenindustrie in dem Land und anderen muslimisch geprägten Ländern gut kennt, dämpft die Erwartungen allerdings. Er sagt, dass das islamische Bankwesen auch in islamischen Ländern noch immer ein Nischenmarkt ist. Selbst in Bahrain, der Türkei oder teilweise auch Indonesien sind die Banken zwar beliebt, weil sie unter anderem modern sind, machen allerdings nur bis zu 30 Prozent des gesamten Bankenmarktes aus.

Für die Zukunft schielen die Albaraka Türk wie auch die KT Bank bereits auf einen größeren Markt als nur den deutschen. Dank des sogenannten Passporting ist es beiden erlaubt, ihre Dienste in Deutschland zu lizenzieren und dann in der gesamten Europäischen Union anzubieten. Vergleichbare Angebote gibt es bisher aber nur in Großbritannien. Im Rest Europas ist das islamische Bankwesen dagegen kaum verbreitet, ein Markt also, den beide Geldhäuser erobern können und offenbar auch wollen. "Wir werden nach Europa expandieren, gerade die Sepa-Länder sind für uns interessant", sagt Utku.