Markus Miele (Mitte) im Interview mit den ZEIT-ONLINE-Redakteuren Zacharias Zacharakis und Matthias Breitinger (rechts) © Monika Hanfland für ZEIT ONLINE

ZEIT ONLINE: Manche Ökonomen behaupten, der breite Wohlstand von damals sei nicht mehr mit der Situation heute zu vergleichen. Gibt es die soziale Marktwirtschaft in Deutschland überhaupt noch?

Miele: Ja, die soziale Marktwirtschaft lebt. Der allgemeine Wohlstand steigt weiter, es gibt den Mindestlohn und die Arbeitslosigkeit ist so niedrig wie seit mehr als einem Vierteljahrhundert nicht mehr, nicht zuletzt hier bei uns in Ostwestfalen. Sicher gibt es auch umstrittene Themen wie etwa Hartz IV oder die Zahlen zur sogenannten relativen Armut, die den Kern der sozialen Marktwirtschaft meiner Meinung nach aber nicht infrage stellen. Miele zum Beispiel zahlt den Tarif der IG Metall mit übertariflichen Komponenten. Zusätzlich bieten wir unseren Beschäftigten eine Betriebskrankenkasse und später die Miele-Rente. Und wir sehen, dass unsere Bewerberinnen und Bewerber solche Leistungen interessanterweise auch aktiv nachfragen. Das zeigt uns, dass man den Leuten auch etwas bieten muss.

ZEIT ONLINE: Wobei Bezahlung für viele nicht mehr die alles entscheidende Frage ist, sondern auch die Vereinbarkeit des Jobs mit der Familie. Gerade Frauen meiden Ihre Branche.

Miele: Diesen Eindruck kann ich für unser Unternehmen nicht bestätigen, auch wenn wir mit unserem Frauenanteil von 29 Prozent naturgemäß niedriger liegen als etwa manches Dienstleistungsunternehmen. Aber es ist schon richtig: Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist heute ein ganz entscheidendes Kriterium, und viele der jungen Mütter bei Miele möchten heute sehr früh wieder an ihren Arbeitsplatz zurück und auch immer mehr junge Väter möchten sich stärker in die Familie einbringen.

ZEIT ONLINE: Und was unternehmen Sie, um Vereinbarkeit zu erleichtern?

Miele: Wir haben über 100 verschiedene Arbeitszeit- und Schichtmodelle an unseren Standorten in Deutschland und unterstützen unsere Beschäftigten auch auf andere Weise bei der Betreuung ihrer Kinder oder Pflege von Angehörigen. Und hier in Gütersloh haben wir gerade eine eigene Kindertagesstätte eröffnet. Außerdem überlegen wir schon länger, wie wir in den kommenden Jahren an neue Arbeitskräfte kommen, wenn die geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen. Da spielen Frauen eine immer größere Rolle, und auch wir können beim Frauenanteil definitiv noch besser werden. Wir sind eben ein technikorientiertes Unternehmen und Maschinenbauerinnen und Elektrotechnikerinnen gibt es nicht so viele.

ZEIT ONLINE: Sie produzieren mit mehr als der Hälfte Ihrer fast 20.000 Mitarbeiter in Deutschland, der Umsatz wächst seit Jahren kontinuierlich. Wie können Sie auf einem hart umkämpften Markt mit Ihren teuren Geräten überhaupt wettbewerbsfähig sein?

Miele: Indem wir unseren Kunden Geräte bieten, die ihren höheren Preis auch wert sind. Aber natürlich ist Deutschland ein Hochlohnland, daher produzieren wir in unseren Werken mit einem hohen Grad an Automatisierung. Auch insgesamt hat sich die Produktion sehr verändert. Der Output ist stark gewachsen bei einer nur leicht steigenden Zahl von Beschäftigten. Gleichzeitig hat sich auch die Art der Jobs verändert. So benötigen wir mehr Softwareentwickler, etwa weil wir unsere Backöfen mit Rezeptdatenbanken vernetzen. Außerdem wollen immer mehr Kunden ihre Geräte auch per App bedienen.

Wohnraum und Küche wachsen heute mehr und mehr zusammen.

ZEIT ONLINE: Profitieren Sie davon, dass Küche heute als Statussymbol durchgeht?

Miele: Ja, wobei das von Land zu Land unterschiedlich ausgeprägt ist. So hat etwa mancher wohlhabende Haushalt in Asien zwei Küchen – eine zum Kochen und die andere zum Zeigen. In Deutschland dagegen wird auch die hochwertige Küche in aller Regel wirklich genutzt. Trotzdem zeigen Umfragen auch für Deutschland, dass die Küche das Auto als Statussymbol Nummer eins abgelöst hat. Hinter der Entwicklung steht ein Trend, der entscheidend ist: Wohnraum und Küche wachsen heute mehr und mehr zusammen. Die offene Küche muss also nicht nur gut funktionieren und ergonomisch durchdacht sein, sondern sich auch harmonisch in die Umgebung einpassen. Deshalb machen wir uns seit Langem auch intensive Gedanken über das Design. Hierzu zählt, dass wir nicht jeder Mode und jedem schnellen Trend folgen, denn die Küche soll einem ja viele Jahre lang gefallen.

ZEIT ONLINE: Dabei haben viele Leute kaum mehr Zeit zum Kochen. Beide Partner sind berufstätig. Wie soll man da abends noch ein Entrecôte zubereiten?

Miele: Für viele Kunden gilt beides. In der Woche muss es schnell gehen, aber am Samstag sagt oft derselbe Kunde: Ich habe mir sechs Freunde eingeladen, wir haben mehrere Stunden Zeit, um ein schönes Entrecôte zu machen. Er braucht dann aber auch die exakte Temperatur zum Garen und die entsprechenden Geräte dafür.

ZEIT ONLINE: Seit Jahren reden wir schon über intelligente Küchengeräte, aber warten immer noch auf den Kühlschrank, der sich von selbst befüllt. Warum kommt der nicht?

Miele: Am Ende zählt doch, was die Kunden wirklich möchten, und ich habe das Gefühl, dass Menschen gerade ihre Lebensmittel noch selbst auswählen und dabei auch anschauen möchten. Zudem sind Einkaufslisten nicht schematisch, sondern von kurzfristigen oder sogar spontanen Bedürfnissen geprägt. Wofür es im Markt jedoch eine steigende Nachfrage gibt, ist die Kommunikation zwischen Geräten, zum Beispiel die Steuerung der Dunstabzugshaube durch das Kochfeld, oder die Sprachsteuerung.

ZEIT ONLINE: Roboter sind hingegen recht beliebt, bisher vor allem zum Staubsaugen.

Miele: Da hat es in den vergangenen Jahren in der Tat erhebliche Fortschritte gegeben, etwa bei der Navigation und der Saugkraft. Wir haben aber auch gemerkt, dass der Roboter kein Ersatz für den klassischen Staubsauger ist, etwa wenn es um die hygienische Reinigung von Teppichen geht. Unser neuer Saugroboter kommt sehr gut an, dennoch verkaufen wir weiterhin deutlich mehr klassische Staubsauger als Roboter. Man muss trotzdem an diesen Entwicklungen dranbleiben, weil es für uns neue Kreativität eröffnet und manchmal viel mehr daraus entsteht, als man anfangs erwarten könnte.