Mit der Festnahme von Audi-Chef Rupert Stadler haben die Ermittlungen im Abgasbetrugsskandal eine neue Qualität erreicht: Erstmals sitzt ein amtierender Vorstandsvorsitzender aus dem Volkswagen-Konzern in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft München II, die gegen den Audi-Vorstand ermittelt, hat die U-Haft wegen Verdunkelungsgefahr beantragt. Damit meinen Juristen den dringenden Verdacht, dass die inhaftierte Person Beweismittel ändern oder vernichten beziehungsweise Zeugen beeinflussen könnte. Das Amtsgericht folgte dem Antrag und erließ Haftbefehl.

Die Inhaftierung ist der nächste Schritt im Ermittlungsverfahren gegen Stadler – erst Ende Mai hatten die Münchner Staatsanwälte den Audi-Chef sowie ein weiteres, nicht namentlich genanntes Audi-Vorstandsmitglied auf ihre Liste der Beschuldigten gesetzt. Sie legen beiden "Betrug sowie mittelbare Falschbeurkundung" zur Last. Dabei geht es um Stadlers Verhalten, nachdem im September 2015 die Abgasmanipulation von VW-Autos in den USA bekannt geworden war.

Nur wenige Wochen danach musste der Konzern einräumen, dass auch Audi den US-Behörden drei Softwareprogramme in Fahrzeugen des Unternehmens verheimlicht habe, darunter eine illegale Abschalteinrichtung. Die Ermittler werfen Stadler vor, er habe in dieser Zeit erfahren, dass Audi-Modelle auch in Europa ähnlich manipuliert waren – er habe aber, anders als in den USA, keinen Verkaufsstopp angeordnet, sondern die Autos weiter auf den Markt gebracht.

Software laut Ermittlern bei Audi erfunden

Die Ermittlungen bei Audi laufen schon länger. Bereits seit Frühjahr 2017 hatten die Ermittler bei mehreren Razzien an den Audi-Standorten Ingolstadt und Neckarsulm umfangreich Unterlagen sichergestellt. Vorige Woche waren zur Sicherung von Beweismaterial überraschend auch die Privatwohnungen Stadlers und des anderen Vorstandsmitglieds durchsucht worden. Am Montag machte der festgenommene Stadler laut Staatsanwaltschaft keine Angaben zur Sache, auch sein Anwalt lehnte eine Stellungnahme ab.

Lange stand der Audi-Chef selbst nicht im Zentrum der Ermittlungen. Es schien, als könne ihm der Skandal um die manipulierte Abgasreinigung in Dieselfahrzeugen nichts anhaben – während längst gegen andere Manager des VW-Konzerns ermittelt wurde, darunter Ex-Chef Martin Winterkorn, den heutigen VW-Chef Herbert Diess und Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch. Stadler indes bestritt stets jede Beteiligung an den Abgasmanipulationen.

Dabei zeichnete sich schon länger ab, dass in Ingolstadt und am Audi-Standort Neckarsulm offenbar die Fäden des Skandals zusammenlaufen: Den Ermittlern zufolge soll die Betrugssoftware bei Audi erfunden worden sein. Diesen Verdacht äußerte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft München II bereits im März 2017. Später sei die Software dann auch in Fahrzeuge anderer VW-Marken eingebaut worden.

Stadler ist seit Anfang 2007 Audi-Chef – und just in jene Zeit fällt die Einführung des Dieselmotors EA 189 in Europa und den USA. Also jenes Motors, der dann, mit der Abschalteinrichtung versehen, weltweit in Millionen Fahrzeuge des Konzerns eingebaut wurde (hier unsere Zeitleiste des Skandals von 2007 bis heute). Allein Audi soll in den USA und Europa von 2009 an rund 220.000 Dieselautos mit der Software verkauft haben. Einzelne Techniker und Motorenentwickler bei Audi sollen dann im Herbst 2013 gewarnt haben, dass die US-Behörden dahinterkommen könnten. Doch ab wann wusste Stadler vom Einsatz der illegalen Software?