Wie loyal ist Harley-Davidson gegenüber den USA? Robert Martinez Jr. hat da eine klare Meinung. "Die Ankündigung ist ein weiterer Schlag ins Gesicht der loyalen, sehr talentierten Arbeiter, die Harley zu einer amerikanischen Ikone gemacht haben", sagt der Präsident der International Association of Machinists and Aerospace Workers, einer Gewerkschaft, die auch viele Harley-Mitarbeiter vertritt. Die Firma verlege die Produktion seit Jahren mehr und mehr ins Ausland und nutze den Handelsstreit nun als Ausrede, um den Prozess zu beschleunigen. Doch "Made in Thailand", ist Martinez sicher, werde die Marke zerstören

Vor wenigen Wochen hatte Harley-Davidson erklärt, einen Teil der Produktion ins Ausland zu verlegen, um Importzölle auf dem wichtigen EU-Markt zu umgehen – und damit auch den Zorn des Präsidenten auf sich gezogen. "Harley-Davidson sollte zu 100 Prozent in Amerika bleiben, bei den Leuten, die Euch zu dem gemacht haben, was Ihr seid", schrieb Donald Trump kürzlich auf Twitter. "Ich habe so viel für Euch getan, und jetzt das."  Weder er noch die Harley-Kunden würden diesen Schritt vergessen. Sollte Harley ernst machen, sei das "der Anfang vom Ende".

Der Motorradkonzern wollte sich nicht gegenüber ZEIT ONLINE äußern. Aber Harley-Davidson sei sich des Risikos bewusst, sich öffentlich mit dem Präsidenten anzulegen, ist Sharon Zackfia überzeugt, Harley-Analystin bei der Investmentfirma William Blair. "Aber sie haben kaum eine Wahl." Keine andere börsengelistete Firma sei stärker vom Handelsstreit zwischen den USA und deren Partnern betroffen als Harley-Davidson. Das Unternehmen ist gleich zwei Mal Opfer der neuen US-Zollpolitik. In der Heimat rechnet die Firma angesichts der Zölle auf Aluminium- und Stahlimporte mit Mehrkosten von bis zu 20 Millionen Dollar allein in diesem Jahr. Wegen der anschließenden Vergeltungszölle der EU verteuern sich die Motorräder in Europa außerdem im Schnitt um 2.200 Dollar, so der Konzern.

Harley kommt in die Jahre

Der Handelskrieg trifft den Hersteller zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt. Vor dem Ersten Weltkrieg gegründet und lange vor allem beim Militär beliebt, hatte Harley sich in den Fünfziger- und Sechzigerjahren – auch dank Filmen wie Easy Riderals Inbegriff amerikanischer Freiheit etabliert. Mit Sondermodellen, auf denen US-Flaggen und Adler prangten, warb das Unternehmen erfolgreich um Veteranen und stolze Gewerkschaftler. Sie nannten die Maschinen liebevoll Hog – eine Abkürzung für Harley Owners Group, dem größten Fanclub im Land, und das englische Wort für "Schwein", dem inoffiziellen Maskottchen der Easy Rider. Zu besten Zeiten wurden allein in den USA bis zu 350.000 Harleys pro Jahr verkauft.

Doch die Fans der Nachkriegsgeneration sind in die Jahre gekommen und der Nachwuchs zeigt wenig Interesse an den schweren Maschinen aus Amerika. Lag das Durchschnittsalter 1990 noch bei 32, ist der typische Harley-Fahrer heute 47 Jahre alt, weiß und männlich. Die Entwicklung belastet das Geschäft vor allem in der Heimat. 2016 allein waren die Verkäufe in den USA innerhalb eines Jahres um zehn Prozent auf 145.000 Maschinen zurückgegangen. Die Harley-Aktie hat in den vergangenen zwölf Monaten rund 25 Prozent an Wert verloren.

US-Handelsstreit - Trump überrascht von Harley-Davidson-Ankündigung Der US-Motorradbauer Harley-Davidson will wegen der Zölle in Europa Teile seiner US-Produktion ins Ausland verlagern. US-Präsident Donald Trump zeigte sich davon überrascht. © Foto: Pablo Martinez Monsivais/dpa