Der Aufsichtsratschef von ThyssenKrupp tritt zurück. Ulrich Lehner werde zum Ende des Monats sein Mandat niederlegen und aus dem Aufsichtsrat ausscheiden, hieß es vonseiten des Industriekonzerns. Der Aufsichtsrat werde in Kürze über eine Nachfolge entscheiden. Damit befindet sich das Unternehmen nach dem überraschenden Rücktritt von Konzernchef Heinrich Hiesinger in einer Führungskrise.

Lehner teilte mit, dass das Vertrauen der großen Aktionäre nicht mehr gegeben sei. Im Aufsichtsrat habe ein gemeinsames Verständnis über die strategische Ausrichtung gefehlt. Der 72-Jährige warnte vor einer Zerschlagung des Konzerns, wie sie von einigen Investoren gefordert wird.

In einem Interview der ZEIT hatte Lehner vom "Psychoterror" einiger Aktionäre gesprochen. Diese würden Unwahrheiten in der Öffentlichkeit platzieren und sogar Nachbarn und Familienmitglieder belästigen. Dennoch sagte Lehner über ThyssenKrupp: "Bei uns gibt es keine Not."

Vor allem der schwedische Finanzinvestor und mit 18 Prozent zweitgrößter Einzelaktionär Cevian Capital hatte Druck aufgebaut. Dem Investor geht der Konzernumbau nicht schnell genug. Der ZEIT sagte Cevian-Gründungspartner Lars Förberg: "In einem integrierten Verbund von U-Booten, Stahlhandel und Aufzügen können wir, wie übrigens die meisten anderen Eigentümer, keinen industriellen Sinn erkennen." Auch der US-Hedgefonds Elliot, hinter dem US-Investor Paul Singer steht, fordert, alle Geschäfte zu überprüfen und auf Rendite zu trimmen oder abzustoßen.

Lehner ist seit 2008 im Aufsichtsrat von ThyssenKrupp. Er hatte 2013 die Führung des Gremiums übernommen.

Die IG Metall zeigte sich bestürzt über seinen Rücktritt. Das müsse jetzt der allerletzte Weckruf dafür sein, dass sich alle Beteiligten disziplinierten, sagte NRW-Bezirksleiter Knut Giesler der Rheinischen Post. Der Konzern komme nicht zur Ruhe. Dabei sei Ruhe genau das, was er jetzt so dringend benötige, sagte der Gewerkschafter.

Entwicklung von ThyssenKrupp unter Heinrich Hiesinger

Entwicklung von ThyssenKrupp unter Heinrich Hiesinger

Unternehmensangaben © ZEIT-Grafik

Die IG Metall hatte auch das Rücktrittsgesuch von ThyssenKrupp-Chef Heinrich Hiesinger bedauert und vor einer drohenden Zerschlagung des Mischkonzerns gewarnt. Hiesinger hatte Anfang Juli seinen Rücktritt angekündigt, kurz nachdem die Fusion der Stahlsparte ThyssenKrupps mit dem europäischen Teil des indischen Konzern Tata Steel beschlossen worden war. Die Einigung sollte den Weg für den lange angekündigten Konzernumbau ebnen. Durch die Fusion entsteht der zweitgrößte Stahlkonzern Europas.

Übergangsweise leitet inzwischen Finanzvorstand Guido Kerkhoff das Unternehmen.