Wie lässt sich die Lebensmittelverschwendung reduzieren? Bislang hat die Politik das Problem vor allem auf Verbraucherinnen und Verbraucher geschoben. Ein Report der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) nimmt nun vor allem Unternehmen der Lebensmittelindustrie in die Pflicht. "Es wird nicht möglich sein, das Problem des Lebensmittelverlusts und -abfalls ohne die Anführung und Aktionen des Privatsektors zu lösen", schreiben die Autoren in ihrer Analyse. "Die Rolle der Unternehmen ist möglicherweise sogar die kritischste."

Die Berater schätzen, dass jedes Jahr weltweit rund 1,6 Milliarden Tonnen Lebensmittel im Wert von 1,2 Billionen US-Dollar weggeschmissen werden. Bis zum Jahr 2030 könnte die Menge sogar auf 2,1 Milliarden Tonnen ansteigen, das entspricht einem Plus von mehr als 30 Prozent. Wer für die meisten Abfälle verantwortlich ist, variiert nach Region: In Entwicklungs- und Schwellenländern entstehen die meisten Verluste in der Produktion, in Industrienationen und entwickelten Ländern schmeißen dagegen häufig die Verbraucherinnen und Verbraucher die meisten Lebensmittel weg: jährlich etwa 340 Millionen Tonnen im Wert von 500 Milliarden US-Dollar. Am häufigsten landen Obst, Gemüse und Getreide im Abfall, weil sie am empfindlichsten sind. Der Report basiert auf Zahlen der Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen, der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds.

Plädoyer für mehr Tiefkühlprodukte

BCG ist überzeugt, dass es vor allem an der Lebensmittelindustrie ist, diesen Trend aufzuhalten. Die Berater stellten dafür 13 Initiativen vor. Eine wichtige Aufgabe sei es etwa, Konsumentinnen und Konsumenten besser zu informieren. Wer etwa außerhalb der Saison frisches Obst und Gemüse verlange, der erhöhe nicht nur die Kosten, weil es teuer transportiert werden müsse, sondern auch die Abfallmenge, weil es während des Transports verderben könnte. Fälschlicherweise würden viele Verbraucher glauben, frische Lebensmittel seien gesünder als gefrorene. Dem widersprechen die BCG-Fachleute. "Das Gegenteil ist der Fall: Tiefkühlprodukte enthalten häufig mehr Nährstoffe als ungefrorene Produkte." Allerdings ist das Plädoyer für mehr Tiefkühlprodukte umstritten, schließlich erhöht die Kühlung auch den Energiebedarf – und verschlechtert so die gesamte Umweltbilanz.

Die BCG schätzt, dass sich durch eine bessere Aufklärung der Konsumentinnen und Konsumenten die Abfallmengen weltweit drastisch reduzieren ließen und so am Ende rund 260 Milliarden Dollar eingespart werden könnten. Noch mehr Einsparpotenzial sehen die Berater allerdings bei der Optimierung der Lieferketten. Der Bericht schlägt etwa bessere Kühlketten für frische Produkte vor, Firmen sollten verstärkt regional einkaufen. Auch durch eine engere Zusammenarbeit mit Landwirten, etwa um Erntestrategien zu verbessern, können Unternehmen milliardenschwere Verluste reduzieren.

Mehr Regulierung und höhere Steuern?

Zudem sollten sich Unternehmen für mehr staatliche Regulierungen einsetzen, um die weltweiten Abfallmengen zu reduzieren. Die Entsorgung von Lebensmittelabfällen sei in vielen Ländern viel zu günstig. Zudem schaffe die Steuerpolitik weder für Firmen noch für Verbraucher Anreize, Abfall zu verringern. Als Vorbild gilt Frankreich: Seit 2016 verbietet ein Gesetz den Supermärkten, essbare Lebensmittel zu entsorgen. Jeder Verstoß wird mit einem Bußgeld von bis zu 4.500 Euro bestraft.  

Allerdings ist es fraglich, warum ausgerechnet Firmen bei der Politik für mehr Regulierung und höheren Abgaben werben sollten. Die BCG verweist darauf, dass Unternehmen am Ende mit höheren Gewinnmargen belohnt würden, wenn sie gesellschaftliche Debatten wie das Thema Lebensmittelverschwendung nicht ignorieren, sondern "effektiv ansprechen".  

Die Verbraucherorganisation Foodwatch sieht sich in dem Report bestätigt. Die Organisation kritisierte schon häufiger, dass die Bundesregierung mit Initiativen wie Zu gut für die Tonne hauptsächlich Verbraucherinnen und Verbraucher anspreche, obwohl Lebensmittelabfälle auch in der Landwirtschaft und der Industrie entstünden. "Der schwarze Peter darf nicht einfach dem Verbraucher zugeschoben werden", fordert Foodwatch-Sprecher Andreas Winkler. Immerhin sind laut einem Bericht des Umweltschutzverbands WWF von den 18 Millionen Tonnen Lebensmittelabfall in Deutschland mehr als 60 Prozent auf die Landwirtschaft und die Weiterverarbeitung zurückzuführen. Knapp 40 Prozent der Abfälle würden die Verbraucherinnen und Verbraucher verantworten.