Der Volkswagen-Vorstandsvorsitzende Herbert Diess hat vor dem Verlust von Zehntausenden Arbeitsplätzen bei höheren CO2-Grenzwerten gewarnt. Sollte sich das EU-Parlament in den Verhandlungen mit der EU-Kommission und den EU-Regierungen durchsetzen, wäre die Geschwindigkeit des damit herbeigeführten Wandels "kaum zu managen", sagte Diess der Süddeutschen Zeitung.

Würde sich das EU-Parlament mit seiner Forderung nach einer Senkung des CO2-Ausstoßes für Autos um 40 Prozent durchsetzen, müssten 2030 bereits die Hälfte der Fahrzeuge rein elektrisch fahren, sagte Diess. Dann müssten in gut zehn Jahren "etwa ein Viertel der Jobs in unseren Werken wegfallen", insgesamt etwa 100.000 Stellen. Das sähe auch bei 35 Prozent Reduktion "nicht sehr viel besser aus".

Nach langen Verhandlungen hatten sich die EU-Staaten am frühen Mittwoch auf eine gemeinsame Position geeinigt, die unter den Vorstellungen des Parlaments, aber über denen der Kommission liegt. Kanzlerin Angela Merkel rechnet nicht mehr mit gravierenden Änderungen. "Das Ergebnis ist gut", sagte sie.

Autoindustrie - EU-Staaten wollen Abgasgrenzwerte senken Die Umweltminister der EU-Länder haben sich auf neue Klimaschutzvorgaben geeinigt. Bis zum Jahr 2030 sollen der CO2-Ausstoß von Neuwagen um 35 Prozent gesenkt werden. © Foto: Sean Gallup/Getty Images

Eine Industrie könne abstürzen

Es gebe eine sehr strenge Absprache zwischen der EU-Kommission und den EU-Staaten, dass man in den Verhandlungen mit dem EU-Parlament nicht mehr davon abweichen werde, sagte Merkel. Die EU-Staaten, die EU-Kommission und das EU-Parlament werden jetzt im sogenannten Trilog eine gemeinsame Linie festlegen. Der Rat der Umweltminister hatte sich mit der 35-Prozent-Lösung genau zwischen die Position von Kommission (30 Prozent) und Parlament (40 Prozent) gestellt.

"So eine Industrie kann schneller abstürzen, als viele glauben wollen", sagte VW-Chef Diess. "Ich bitte die Politik wirklich, sich Gedanken zu machen." Zuvor hatte die Autobranche die Abmachung kritisiert. Es sei eine Chance vertan worden, die CO2-Grenzwerte technisch und wirtschaftlich realistisch zu gestalten, sagte der Präsident des Verbandes der Deutschen Automobilwirtschaft (VDA), Bernd Mattes. Rat und Parlament gingen "mit überzogenen Forderungen in die anstehenden Trilogverhandlungen". Klar sei damit, dass letztlich CO2-Ziele vereinbart würden, die es so nirgendwo auf der Welt gebe. Dies werde den Industriestandort Europa schwächen.

Deutschland mit seiner Autoindustrie und der Produktion vor allem stärker motorisierter Fahrzeuge hatte sich hinter die Kommission gestellt. Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) vertrat diese Position im Umweltministerrat auf Druck des Wirtschaftsressorts und des Kanzleramts, obwohl sie zuvor für ehrgeizigere Ziele plädiert hatte. Schließlich stimmte sie für den Kompromiss.

Für viele noch unzureichend

Umweltgruppen und die Grünen äußerte sich empört. Einen Tag nachdem der UN-Weltklimarat erneut vor einer zu schnellen Erderwärmung gewarnt habe, betätige sich Deutschland als Bremser, kritisierte der WWF. Die Grünen werteten das Ergebnis des Umweltministerrats als völlig unzureichend.  

Auch die Regierung habe sich mit ihrer Position aber nicht durchsetzen können: "Das Verhandlungsergebnis im Umweltministerrat ist die nächste Klatsche für die Bundesregierung", sagte Fraktionschef Anton Hofreiter. Die Linken werteten das Ergebnis als erneutes Zurückweichen der Regierung vor der Autobranche: "Das Lobbygeschenk der großen Koalition ist jedoch ein Bärendienst für Deutschland und Europa", sagte Klimaexperte Lorenz Gösta Beutin.

Im Jahr 2021 dürfen die Neuwagenflotten nach jetzigen EU-Regeln im Schnitt pro Fahrzeug noch 95 Gramm CO2 pro Kilometer ausstoßen. Auf dieser Basis greift dann die weitere Kürzung bis 2030. Eingezogen werden soll ein Zwischenziel von 15 Prozent im Jahr 2025.

Für Elektroautos kann ab einer bestimmten Menge an Neuzulassungen noch ein CO2-Bonus für die Gesamtflotte eines Herstellers angerechnet werden. Werden diese Autos in Ländern mit besonders wenigen Autos mit Niedrigemissionen verkauft, wird dies noch einmal stärker angerechnet.