Logistikunternehmen weisen den Vorwurf von ver.di zurück, in der Auslieferungsbranche herrschten durch die Weitergabe von Aufträgen an Subunternehmen teils mafiöse Strukturen. Hermes erwiderte, als Auftraggeber lege man großen Wert auf unternehmerische Verantwortung. Hermes lasse sich von all seinen Servicepartnern vertraglich zusichern, "dass sie sich vollumfänglich an gesetzliche Vorgaben – insbesondere die Verpflichtung zur Zahlung des gesetzlichen Mindestlohns – halten", sagte eine Sprecherin und nannte "perspektivisch einen Stundenlohn von mindestens zwölf Euro". 2019 werde zunächst von derzeit 9,50 Euro auf über zehn Euro erhöht.

Auch der Bundesverband Paket und Expresslogistik (Biek) betonte, dass die Unternehmen ihre Vertragspartner zur Zahlung des Mindestlohns und zur Arbeitszeitaufzeichnung verpflichten. "Wer gegen Regeln verstößt, muss mit der Kündigung des Vertragsverhältnisses rechnen", sagte die Sprecherin des Biek.

DHL, Marktführer vor Hermes, unterstrich, mehr als 98 Prozent der Pakete durch eigene Zusteller auszuliefern. Bei den anderen zwei Prozent müssten sich die beauftragten Firmen "bezüglich Arbeitsbedingungen und Löhnen an die gesetzlichen Bestimmungen halten", sagte eine Sprecherin, darunter das Mindestlohngesetz.

Billiglöhner aus der Ukraine, Moldawien oder Belarus

DHL-Konkurrent DPD nannte die Äußerungen von ver.di-Chef Frank Bsirske "eine nicht nachvollziehbare Vorverurteilung" und "geradezu beleidigend für Tausende von redlichen Transportunternehmen". Ein Sprecher sagte: "Die beauftragten Transportunternehmen haben klare gesetzliche und vertragliche Verpflichtungen, die von DPD fortlaufend geprüft werden."

Bsirske hatte den Zeitungen der Funke Mediengruppe gesagt, "in der Paketzustellbranche haben sich zum Teil mafiöse Strukturen etabliert". Unternehmen wie Hermes engagieren demnach "Firmen, die wiederum andere Firmen beauftragen, die dann Menschen aus der Ukraine, aus Moldawien oder aus Weißrussland in die Lieferfahrzeuge setzen". Der Gewerkschaftsvorsitzende kritisierte, dass viele der Beschäftigen nur Stundenlöhne von 4,50 Euro bis 6 Euro erhalten – bei einem Arbeitstag von 12 bis 16 Stunden. Zudem hätten viele der Angestellten gefälschte Pässe. Das Problem werde laut Bsirske größer, je mehr die Branche der Paketzusteller boome.

Bsirske forderte die Regierung auf, die sogenannte Nachunternehmerhaftung einzuführen. "Das bedeutet, dass der eigentliche Auftraggeber für die korrekten Arbeitsbedingungen bei allen Subunternehmern verantwortlich ist", sagte er. Bisher gebe es dies nur in der Bau- und in der Fleischbranche.

Bsirske befürwortet Rentenpläne der SPD

Bsirske forderte zudem eine bessere Durchsetzung des Mindestlohns – etwa durch die Einführung einer sogenannten Mindestlohnhotline, bei der Verstöße gegen den Mindestlohn gemeldet werden können. Zudem unterstützte er die Forderung der SPD nach einem Mindestlohn von 12 Euro pro Stunde.

Der boomende Onlinehandel treibt die Nachfrage bei den verschiedenen Diensten weiter nach oben. Die Paketflut stellt die Zusteller vor große Probleme, die Suche nach Fahrern erweist sich bei niedrigen Löhnen als Herausforderung. "Der Arbeitsmarkt ist leer gefegt", sagte Hermes-Deutschland-Chef Olaf Schabirosky im vergangenen Dezember. "Das E-Commerce-Wachstum war in den letzten Jahren sehr groß. Es gibt Mitbewerber, die in der Lage sind, höhere Löhne zu zahlen. Teilweise wird gezielt abgeworben."

In dem Interview äußerte sich der ver.di-Chef auch zu den neuen Rentenplänen der SPD. Bsirske unterstützt die von Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) vorgeschlagene Grundrente. "Die Grundrente kann Millionen Rentnerinnen und Rentner über den Grundsicherungsanspruch heben und ihnen die Bedürftigkeitsprüfung ersparen", sagte er. Das stärke laut Bsirske das Vertrauen in die Rente. Heil hatte vorgeschlagen, Geringverdienern einen Zuschlag von bis zu 447 Euro auf ihre Rente zu zahlen, um Altersarmut zu verhindern. Voraussetzung soll sein, dass die Betroffenen mindestens 35 Beitragsjahre nachweisen können.