Revolutionen haben es so an sich, dass sie schwer zu kontrollieren sind. Das bekommt nun Bayer-Chef Werner Baumann zu spüren: Eigentlich wollte Bayer mit der Übernahme des umstrittenen Saatgutkonzerns Monsanto "auf revolutionäre Weise" dabei helfen, die Welt zu ernähren – so hat Baumann das 2016 einmal gesagt. Die Übernahme sollte die Krönung seiner langen Karriere im Bayer-Konzern sein, die Zweifler eines Besseren belehren, die Aktionärinnen und Aktionäre reicher und Bayer zum führenden Agrarkonzern der Welt machen.

Diese Vision scheint nun endgültig in Gefahr zu sein: Die Übernahme von Monsanto könnte Bayer auf revolutionäre Weise in eine Krise stürzen – und am Ende womöglich sogar die Entmachtung von Baumann selbst nach sich ziehen, der die Übernahme wie kein anderer vorangetrieben hatte. Immer offenkundiger wird, wie sich der Leverkusener Konzern beim Kauf von Monsanto ver- und die Risiken des Milliardendeals offenbar unterschätzt hat. War anfangs vor allem vom Reputationsschaden die Rede, den Monsanto für Bayer bedeuten könnte, zeigt sich nun: Es geht für Bayer auch um viel, viel Geld.

Geld, das Bayer womöglich Menschen zahlen muss, die Monsantos Unkrautvernichter Glyphosat für ihre Krebserkrankungen verantwortlich machen. Mehr als 11.000 Klagen gibt es in den USA bereits, und Bayer bemühte sich bisher, die große Zahl zum Beispiel mit dem amerikanischen Rechtssystem zu erklären, in dem Anwälte auf großen Plakaten an Autobahnen mit ihren erfolgreichen Schadenersatzklagen für sich werben, quasi auf Provisionsbasis arbeiten und Kläger deswegen mehr oder weniger umsonst vor Gericht ziehen können. Nach dieser Logik wären die vielen Gerichtsverfahren weniger eine Folge gesundheitlicher Probleme der Klägerinnen und Kläger, sondern getrieben von Anwälten und ihrer Profitgier.

Bayer kann das nicht mehr erklären

Und der eingebrochene Aktienkurs? Galt den Bayer-Chefs bisher als ein großes Missverständnis, an dem auch die Medien eine gehörige Mitschuld tragen. Wissenschaftler hätten schließlich in unzähligen Studien festgestellt, dass Glyphosat bei fachgerechtem Einsatz nicht krebserregend sei, wiederholt der Konzern gebetsmühlenartig.

Nur funktionieren diese Erklärungen nun nicht mehr. Nachdem ein kalifornisches Gericht Bayer schon im vergangenen Jahr zu einem Schadenersatz von 78 Millionen Dollar an einen krebskranken Hausmeister verurteilt hatte (wogegen Bayer in Berufung gegangen ist), gab es am Dienstag nun den nächsten Rückschlag. Die Jury eines kalifornischen Geschworenengerichts gab sich einstimmig davon überzeugt, dass Monsantos glyphosathaltiger Unkrautvernichter Roundup ein "erheblicher Faktor" bei der Entstehung der Krebserkrankung des Klägers Edwin Hardeman gewesen sei.

Bayer-Chef Werner Baumann bei der Hauptversammlung 2018 in Bonn © Patrik Stollarz/AFP/Getty Images

Bayer zeigte sich von dem Urteil "enttäuscht" und erklärte sofort, dass man weiterhin davon überzeugt sei, dass "glyphosatbasierte Herbizide keinen Krebs verursachen". Man sei zuversichtlich, dass der zweite Teil des Prozesses zeigen werde, dass Monsanto sich angemessen verhalten habe und "nicht für die Krebserkrankung von Herrn Hardeman haftbar gemacht werden sollte". Überhaupt habe "die Entscheidung der Jury in dieser ersten Phase des Verfahrens keinen Einfluss auf zukünftige Fälle".

An der Börse gibt es die Quittung

Wieder einmal wird deutlich, wie sehr die Einschätzung des Konzerns und die Bewertung seiner Aktionäre auseinanderklaffen: Die Bayer-Aktie hatte bis zum Mittwoch mehr als zehn Prozent ihres Werts verloren, Analysten überdenken ihre Kursziele. Bayer ist damit an der Börse nur noch knapp 65 Milliarden Euro wert – kaum mehr, als das Unternehmen für Monsanto gezahlt hat.

Und auch die Frage, welche Signalwirkung die Juryentscheidung auf andere Verfahren haben könnte, wird außerhalb des Konzerns anders beurteilt als offenbar im Bayer-Vorstand: Es handele sich um einen bellwether trial, also einen von mehreren repräsentativen Fällen, die bei Produkthaftungsklagen in den USA genutzt werden, um etwa die Schadensspanne und Möglichkeiten für einen Vergleich zu bestimmen.

Für Bayer-Chef Baumann könnte es nun eng werden. Ende April muss er sich auf der Hauptversammlung des Konzerns seinen Investoren erklären. Und je nachdem, wie das Verfahren in den USA und der Bayer-Aktienkurs sich weiter entwickeln, könnte die Revolution bei Tagesordnungspunkt zwei eine unerwartete Wendung nehmen. Er lautet: Entlastung der Mitglieder des Vorstands.