Der deutsche Bayer-Konzern hat in einem Teilprozess über das umstrittene Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat vor dem Bundesbezirksgerichts im US-Bundesstaat Kalifornien einen schweren Rückschlag erlitten. Die sechs Geschworenen der Jury gelangten einstimmig zu der Überzeugung, dass das glyphosathaltige Mittel Roundup der Bayer-Tochter Monsanto einen "erheblichen Faktor" bei der Entstehung der Krebserkrankung des Klägers Edwin Hardeman ausgemacht hat.

Mit diesem Votum geht der Prozess vor derselben Jury in seine zweite Phase, in der es um die Frage der Verantwortlichkeit des Konzerns und um eventuelle Schadenersatzansprüche geht. Musste zunächst geklärt werden, ob Roundup tatsächlich die Krankheit verursacht hat, wird nun darüber verhandelt, ob Monsanto über Risiken hinwegtäuschte und wie hoch der mögliche Schadenersatz ausfallen könnte.

Bayer-Aktie verliert massiv

Sollte ihr US-Tochterunternehmen tatsächlich für haftbar erklärt werden, könnte dies die Bayer AG viel Geld kosten – und wäre die zweite juristische Niederlage innerhalb eines Jahres. Bereits im August war Monsanto in einem anderen Prozess in San Francisco zur Zahlung von Schadenersatz an Dewayne Johnson verurteilt worden. Allerdings ist dieser Richterspruch noch nicht rechtskräftig, Bayer hatte Berufung eingelegt.

Die Aktionäre des Konzerns reagierten prompt auf die aktuelle Entscheidung in Kalifornien: Nach Öffnung der deutschen Börse verlor die Bayer-Aktie zeitweise mehr als zehn Prozent an Wert und war nur noch rund 62 Euro wert. Zum Vergleich: Vor einem Jahr kosteten die Papiere noch rund 100 Euro pro Aktie. Entsprechend harsch dürfte die Kritik auf der Bayer-Hauptversammlung am 26. April ausfallen. So bezeichnete Christian Strenger von der Regierungskommission Deutscher Corporate Governance Kodex den Monsanto-Kauf in einem dem Manager Magazin vorliegenden Brief unlängst als "den größten und schnellsten Wertvernichter der Dax-Geschichte".

Bayer "fest überzeugt": Glyphosat nicht Ursache für Krebs

In einer ersten Stellungnahme zeigte sich Bayer enttäuscht. Als Unternehmen sei man "weiterhin fest davon überzeugt, dass die vorliegenden wissenschaftlichen Erkenntnisse bestätigen, dass glyphosatbasierte Herbizide keinen Krebs verursachen", hieß es in einer Mitteilung. Der Konzern sei zuversichtlich, "dass die Beweise in der zweiten Phase des Prozesses zeigen werden, dass Monsantos Verhalten angemessen war und das Unternehmen nicht für die Krebserkrankung von Herrn Hardeman haftbar gemacht werden sollte".

Beide Kläger – sowohl Johnson als auch Hardeman – leiden am Non-Hodgkin-Lymphom, einer Krebserkrankung des Lymphgewebes. Und beide Kläger setzten Roundup über viele Jahre hinweg ein. Der 70-jährige Hardeman 25 Jahre lang auf seinem Grundstück, Johnson während seiner langjährigen Tätigkeit als Schulhausmeister.

Insgesamt 11.200 Klagen gegen Bayer in den USA

Der Fall des Kaliforniers Hardeman gilt dabei als sogenannter bellwether trial – er ist einer von mehreren repräsentativen Fällen, die bei Produkthaftungsklagen in den USA genutzt werden, um etwa die Schadensspanne und Möglichkeiten für einen Vergleich zu bestimmen. Er könnte die Richtung für mehr als 760 weitere bei dem Gericht in San Francisco anhängige Verfahren vorgeben. Derzeit sind bei dem zuständigen US-Richter Vince Chhabria Klagen von Landwirten, Gärtnern und Verbrauchern gebündelt. 

Insgesamt sieht sich Bayer in den USA wegen des Unkrautvernichtungsmittels mit etwa 11.200 Klägern konfrontiert. Die Rückstellungen des Konzerns für diese Rechtsstreitigkeiten belaufen sich inzwischen auf rund 660 Millionen Euro. "Wir stellen hier im Wesentlichen für drei Jahre Verteidigungskosten zurück", hatte Finanzchef Wolfgang Nickl während der jüngsten Bilanzpressekonferenz für das Jahr 2018 mitgeteilt.

Die Vorwürfe gegen das Mittel hatten sowohl Monsanto als nun auch Bayer stets bestritten. Immer wieder verweisen die Verantwortlichen darauf, dass Zulassungsbehörden weltweit Glyphosat bei sachgemäßer Anwendung als sicher bewerteten. Allerdings hatte die zur Weltgesundheitsorganisation gehörende Internationale Agentur für Krebsforschung mit Sitz in Frankreich das Mittel 2015 als "wahrscheinlich krebserregend" eingestuft.

Entwickelt wurde Glyphosat in den Siebzigerjahren von dem Saatguthersteller Monsanto, den der Leverkusener Pharma- und Agrarchemiekonzern im vergangenen Sommer für 63 Milliarden Dollar übernommen hatte. Heute wird die Substanz in mehr als 160 Länder verkauft und in den USA verbreitet eingesetzt.