Es gehört zu den Traditionen des US-amerikanischen Politikbetriebs, dass die Verursacher von Skandalen zum Rapport vor den Kongress geladen werden. Dieses parlamentarische Tribunal erwartet demnächst auch den Boeing-Chef Dennis Muilenburg. Nachdem innerhalb weniger Monate zwei Flugzeuge des Typs 737 Max 8 mit Hunderten Menschen an Bord abstürzten, wird Muilenburg sich öffentlich im Wirtschaftsausschuss des US-Senats kritischen Fragen zur eigenen Unternehmenspolitik stellen müssen.

In dieser unangenehmen Situation hilft es womöglich, vertraute Gesichter im Raum zu sehen. Und davon gibt es einige. Zum Beispiel John Keast, Personalchef des Ausschusses. Keast war bis Dezember vergangenen Jahres Boeing-Lobbyist in Washington, bevor er seinen neuen Arbeitsplatz im Kongress antrat. Nun arbeitet er für das Gremium, das mögliche Fehler seines ehemaligen Klienten aufarbeiten soll.

Boeing unterhält einen der einflussreichsten Lobbyapparate

Zu den Ausschussmitgliedern dürfte Muilenburg ebenfalls gute Kontakte unterhalten, denn sein Unternehmen spendet üppig an Kongressabgeordnete beider Parteien. Etwa 54.000 Dollar überwies eine mit Boeing assoziierte Lobbyorganisation im vergangenen Jahr zum Beispiel der Senatorin Maria Cantwell. Cantwell ist Obfrau der Demokraten im Wirtschaftsausschuss und führt die Liste der Spendenempfänger von Boeing mit großem Abstand an. Aber auch andere Mitglieder des Ausschusses erhielten großzügige Spenden des Luftfahrt- und Rüstungsunternehmens.

Überraschend ist das nicht. Boeing unterhält einen der einflussreichsten Lobbyapparate der US-Politik. 274 Millionen Dollar investierte das Unternehmen aus Chicago in den vergangenen Jahren in die politische Einflussnahme und liegt damit auf Platz zehn des Lobbyrankings des Center for Responsive Politics. Allein im vergangenen Jahr spendete Boeing über Umwege mehr als 15 Millionen Dollar an US-Politiker und -Institutionen. Umgekehrt wirbt das Unternehmen mit Vorliebe Regierungsmitarbeiterinnen ab. 87 von 117 Lobbyisten des Konzerns haben früher für die US-Regierung gearbeitet. Beobachterinnen sprechen von einem Drehtür-Effekt.

Auch Trump erhielt Geld von Boeing

Gerade erst hat Nikki Haley, ehemalige US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen, einen Job als Aufsichtsrätin bei Boeing angenommen. Der kommissarische Verteidigungsminister Patrick Shanahan hat dagegen mehr als 30 Jahre für Boeing gearbeitet. Trotz des Jobwechsels scheint sich Shanahan seinem ehemaligen Arbeitgeber noch immer verbunden zu fühlen. Laut einem Bericht der US-Zeitung Politico lobte der Pentagonchef bei internen Besprechungen die Militärflugzeuge seines ehemaligen Arbeitgebers regelmäßig überschwänglich. Produkte des Mitbewerbers Lockheed Martin kritisiere Shanahan dagegen, heißt es.

Ein Freund des Unternehmens an der Spitze des Pentagons kann sich für Boeing strategisch auszahlen. Das Unternehmen erzielte 2017 etwa 21 Milliarden Dollar aus Regierungsaufträgen, das entspricht etwa 22 Prozent der Nettoerlöse.