Seit der Übernahme des US-Konkurrenten Monsanto hat der Agrarchemie- und Pharmakonzern Bayer an der Börse drastisch an Wert verloren. Die Aktie fiel im vergangenen Jahr um bis zu 40 Prozent. Zudem könnten wegen der möglicherweise krebserregenden Wirkung des Pflanzenschutzmittels Glyphosat hohe Schmerzensgeldzahlungen auf den Konzern zukommen.

Am vergangenen Freitag entzogen die Aktionärinnen und Aktionäre der Konzernführung das Vertrauen: 55,5 Prozent entlasteten den Vorstand um Konzernchef Werner Baumann auf der Hauptversammlung des Bayer-Konzerns nicht. Christian Strenger, ehemaliger Chef der Fondsgesellschaft DWS und Experte für gute Unternehmensführung, hatte sie vor dem Treffen dazu aufgerufen. Der Vorstand habe gravierende Fehler gemacht, sagt Strenger, der selbst Bayer-Aktien hält.

ZEIT ONLINE: Herr Strenger, was werfen Sie dem Bayer-Vorstand vor?

Christian Strenger: Die Leistung des Vorstands in Sachen Monsanto und auch in anderen Bereichen war einfach nicht gut genug, um eine Entlastung zu rechtfertigen. Zudem haben die Aktionäre die Entscheidung des Aufsichtsrats nicht verstanden, dem Vorstandsvorsitzenden Baumann einen 25 Prozent höheren kurzfristigen Bonus zu gewähren.

Der Vorstand hat viel zu lange gebraucht, um die Übernahme von Monsanto abzuschließen. Außerdem hätte die Konzernführung damit rechnen müssen, dass Bayer nach dem Monsanto-Deal zu kartellbedingten Verkäufen gezwungen ist. Der Vorstand hat es nicht vermocht, Monsanto dazu zu bringen, Einblick in die schon vor Kaufabschluss anhängigen 3.500 Klagefälle zu gewähren. Auch hat er einen viel zu hohen Preis für die Übernahme akzeptiert.

ZEIT ONLINE: Das Misstrauensvotum auf der Hauptverhandlung hat zunächst keine zwingenden Folgen. Mehrere Großaktionäre, die gegen die Entlastung des Vorstands stimmten, wollen der Konzernführung eine zweite Chance geben. Was denken Sie, sollte der Vorstand zurücktreten?

Strenger: Nein, aber der Bayer-Vorstand ist jetzt auf Bewährung. Vorstandschef Werner Baumann steht nach dem Votum unter besonderem Druck. Er muss Bayer wieder profitabler machen und hoffen, das die Prozesse in den USA besser verlaufen.

Es geht auch um Empathie: Baumann hätte doch mal sagen können, es ist dumm gelaufen. Stattdessen hat er immer nur gesagt, die Börsenkurse seien irrational. Man muss sich das mal ausrechnen: Der Wert von Bayer liegt heute unter dem Preis, den der Konzern für Monsanto bezahlt hat. Wir Aktionäre haben viel Geld verloren. Das wollen wir wiedersehen – und zwar nicht erst in zehn Jahren.

ZEIT ONLINE: Kritiker sagen, der Konzern hätte die Aktionäre damals über die Monsanto-Übernahme abstimmen lassen müssen. Wie sehr haben sich Konzernspitze und Aktionäre entfremdet?

Strenger: Eine Befragung der Anteilseigner hätte zumindest Klarheit gebracht, ob die Aktionäre die Übernahme auch wollen. Der Deal war von Anfang an sehr umstritten, und heute wissen wir, dass die Skepsis gerechtfertigt war. Wenn die Aktionäre damals der Übernahme zugestimmt hätten, hätte es der Vorstand heute deutlich einfacher. Aber jetzt sitzen die Vorstände mit dem Desaster allein da und erklären immer wieder, alles richtig gemacht zu haben. Die Konzernspitze hat sogar zwei Gutachten erstellen lassen, die dem Vorstand attestieren sollen, seine Pflichten eingehalten zu haben. Aber das hat uns Aktionäre nicht überzeugen können. Auch wurden uns die Gutachten nie in Originalform, sondern nur in Zusammenfassungen, zur Verfügung gestellt.

ZEIT ONLINE: Der Aufsichtsrat hat noch am Abend nach der Hauptversammlung trotz des Misstrauens der Aktionäre dem Vorstand den Rücken gestärkt. Das Gremium verteidigte das Vorgehen bei der Monsanto-Übernahme. Warum stehen die Kontrolleure trotz aller Kritik hinter dem Management?

Strenger: Was bleibt dem Aufsichtsrat übrig? Wenn der Aufsichtsrat jetzt dem Vorstand das Vertrauen entziehen würde, wäre das ein Eingeständnis der eigenen Fehleinschätzung. Die dachten wohl auch, dass die Monsanto-Übernahme ein guter Deal sei.

Im Aufsichtsrat fehlt es aktuell an überzeugender Kompetenz. Es braucht Experten in dem Gremium, die das Monsanto-Geschäft und seine juristischen Auswirkungen wirklich verstehen. Deshalb und wegen der Boni für den Vorstand habe ich auf der Hauptversammlung gefordert, auch den Aufsichtsrat nicht zu entlasten. Am Ende haben aber 34 Prozent der Aktionäre dem Kontrollgremium das Vertrauen verweigert. Auch das war eine Warnung, dass es besser werden muss.

ZEIT ONLINE: Umweltaktivisten sehen in dem von Monsanto entwickelten Pflanzenschutzmittel Glyphosat eine Gefahr für die Natur und die Gesundheit. Sie werfen Bayer vor, sich für die ökologischen Folgen seines Handels nicht interessiert zu haben, und protestierten am Rande der Hauptversammlung gegen den Konzern. Können Sie die Kritik nachvollziehen?

Strenger: Das ist nicht mein Feld. Damit müssen sich andere Experten beschäftigen. Aber hier geht es auch um das Thema Reputation. Baumann dachte, der gute Ruf von Bayer lasse sich auf Monsanto übertragen. Jetzt ist das Umgekehrte passiert: Der Ruf von Monsanto hat Bayer auch in Europa erheblichen Schaden zugefügt.

ZEIT ONLINE: War der Monsanto-Deal ein Fehler?

Strenger: So weit will ich noch nicht gehen. Aber es war eine böse Erfahrung.

ZEIT ONLINE: Der Monsanto-Deal hat Bayer die wohl schwerste Krise seiner jüngeren Geschichte zugefügt. Manche Analysten warnen, dass Bayer selbst zum Übernahmeziel von Investoren werden könne. Wie schlimm wird es noch?

Strenger: Ich halte Bayer für stark genug, um das durchzustehen. Die Frage ist, in welch geschwächter Form? Derzeit dürfte eine Aufspaltung aber unwahrscheinlich sein.