Tschernobyl, das klingt nach Katastrophe. Nach einer Gegend, aus der die Menschen fliehen mussten, weil sich hier die bislang größte nukleare Katastrophe der Welt ereignete. Nach einem Gebiet, das unbewohnbar geworden ist. Doch alles ist eine Frage der Perspektive. Wer aus einer Katastrophe kommt, schaut womöglich mit anderen Augen auf andere Katastrophen. Vadym Minzyuk, 47, ist ein Beispiel dafür. Er floh aus dem Donbass, wo die ukrainische Armee seit 2014 gegen prorussische Separatisten kämpft. Seine Heimat habe viel mit Tschernobyl gemein, sagt er. Der Unterschied: Hier im Niemandsland sieht er für sich eine Zukunft, im Donbass sah er es nicht.

Minzyuk stammt aus der ostukrainischen Stadt Horliwka, die sich heute im Separatistengebiet befindet, in einer von den zwei durch prorussische Kräfte ausgerufenen Volksrepubliken, die nicht unter der Kontrolle der ukrainischen Regierung sind, sondern vom Kreml gelenkt werden. Die Wohnung, die Firma und die Pferde: Alles, was er besaß, hat Minzyuk verloren. Vor drei Jahren kam er in das 570-Einwohner-Dorf Dytiatky, ganz in der Nähe von Tschernobyl, um hier, wo kaum einer eine Zukunft sieht, neu anzufangen. 

Ein Streifen Wald trennt sein kleines Schmelzwerk von jenem Gebiet, wo sich 1986 der Atomunfall ereignete. An vielen Stellen innerhalb der Sperrzone ist der Boden auch drei Jahrzehnte später noch verstrahlt. Wissenschaftler behaupten, jenseits der Warnschilder lebe man sicher, aber ist das wirklich so? Minzyuk zumindest hielt die Sorge vor Strahlung nicht ab. Nur 30 Kilometer Luftlinie von dem havarierten Kernkraftwerk entfernt, an der Grenze zur Sperrzone, hat er eine Fabrik gegründet und beschäftigt dort mittlerweile sechs Angestellte. Wie ein Katastrophengebiet sieht es hier nicht aus, die Wiesen und Wälder strotzen vor Grün. Seit der Mensch sich zurückzog, eroberte sich die Natur das Gebiet zurück.

Für ihn sei das hier das "gelobte Land", sagt Minzyuk, schwarze Wollmütze, rotes T-Shirt, und lacht. Minzyuk lacht oft, trotz allem, was er erlebt hat. Über eine eventuelle Strahlung habe er sich keine Sorgen gemacht, sagt er. "Das Wichtigste war, dass hier nicht geschossen wird."

Schrott als Basis für ein Geschäftsmodell

Durch einen Spalt fällt Sonnenlicht in die Fabrikhalle, ein Provisorium aus Wellblech-Dach und blechernen Außenwänden. Der Boden der Anlage ist unbefestigt, überall liegt Staub. Und trotzdem lässt Minzyuk seinen Blick zufrieden über das Gebäude wandern: Es hat sich viel getan. Als er 2015 erstmals hierherkam, habe er vor einer Ruine gestanden, erinnert er sich. Der Parkplatz war verwachsen, das Dach unter dem vielen Schnee vieler Wintermonate eingestürzt. Der Ukrainer sah trotzdem gleich Potenzial für ein Geschäftsmodell. 

Die Unmengen von Schrott, die in der Gegend herumliegen, alte Plastikkanister, ausgediente Reifen und Holz, jede Menge Holz: Damit, das sah er gleich, ließe sich doch etwas machen. Was anderswo als Abfall durchgeht, ist für Minzyuk wertvoller Rohstoff, und dazu noch kostenlos. Er verbrennt die Materialien und stellt daraus Gas und Kohle her, die er wiederum für das Einschmelzen von Metall benötigt. Wie Magma fließt das Metall aus dem Schmelzofen heraus in bereitgestellte Gussformen auf dem Boden, wo es erhärtet. Etliche Firmen im Umkreis sind dankbare Abnehmer, sie brauchen das Metall, um Autobatterien und andere Ersatzteile für Autos herzustellen.  

Er gehörte zu den wenigen, die es zu etwas gebracht hatten

Auch in seinem ersten Leben hatte der Unternehmer mit Metall zu tun. In der Ostukraine war Minzyuk Chef eines Herstellers von Autobatterien, 40 Angestellte hatte er. "Heute ist von der Firma nur noch der Grundriss aus Beton übrig", sagt er. Gerade einmal vier Jahre ist das her, aber wenn er von seiner Heimat erzählt, klingt es wie eine Geschichte aus einer anderen Zeit. Vor dem Krieg war der Osten der Ukraine eine postsowjetische Industrieregion, in der es nur wenige zu etwas brachten. Minzyuk war einer davon. Bis zu 7.000 Dollar zahlte er sich pro Monat aus, einen Teil des Geldes steckte er regelmäßig wieder in seine Firma, etwa in den Kauf neuer Arbeitsgeräte. Vom restlichen Gehalt lebte er mit seiner Familie, und sie lebten gut: Sogar reisen konnte er, zusammen mit seiner Frau Olena und den vier Kindern, nach Europa, nach Paris und nach Rom, zu seiner Schwester.

Minzyuk war nicht sehr politisch. Den ehemaligen Präsidenten der Ukraine und Oligarchen Viktor Janukowitsch etwa habe er nicht unterstützt, sagt er. Und als sich Janukowitsch im November 2013 weigerte, das Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union zu unterschreiben und damit die Maidan-Proteste auslöste, hätte er niemals mit dem politischen Umsturz gerechnet, den das nach sich zog. Kurze Zeit später annektierte Russland die ukrainische Halbinsel Krim. Und mit den Unruhen im April 2014 begann der Krieg im Osten des Landes.