Vorsicht vor dem Kuschelkapitalismus – Seite 1

Der Kapitalismus, wie wir ihn heute kennen, ist erledigt. Das zumindest wollen ausgerechnet 181 Firmenchefs, alles Mitglieder des Business Roundtable, der schlagkräftigsten Lobbygruppe der US-Großkonzerne, der Welt weismachen. Der Washingtoner Verband veröffentlichte jüngst eine Art Manifest, in dem die CEOs – darunter Tim Cook von Apple sowie die Chefs von Walmart und Pepsi – erklärten, künftig nicht mehr allein die Steigerung der Gewinne für die Anteilseigner zum Ziel zu haben. Stattdessen werde man auch die Belange von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, Kunden und des Gemeinwesens in die Unternehmensführung einbeziehen. Weltweit wurde die Ankündigung als revolutionär angepriesen. Denn seit Jahrzehnten waren Manager und Aktionäre, in deren Auftrag sie die Unternehmen führten, überzeugte Verfechter der Shareholder-Value-Doktrin.

Ursprünglich ein akademisches Konzept drang diese ökonomische Denkart Mitte der Sechzigerjahre in die breite Öffentlichkeit. Das lag nicht zuletzt am Ökonomen Milton Friedman, der erklärte, es gebe nur eine einzige soziale Verantwortung für Unternehmen, nämlich dessen Ressourcen zur Steigerung des Gewinns einzusetzen. Friedman, der später den Nobelpreis erhielt, reagierte damals auf eine Bewegung, die etwa vom Detroiter Autohersteller General Motors den Bau sicherer Autos verlangte und vom Mischkonzern General Electric mehr Umweltschutz. Solche Ansinnen führten, so schrieb Friedman 1970 in der New York Times, zu "lupenreinem Sozialismus".

Friedman traf einen Nerv bei Investoren. Zu der Zeit steckte das sogenannte Corporate America in einer Krise. Durch den Aufstieg Japans sahen sich amerikanische Produzenten erstmals auf dem Heimatmarkt starken Wettbewerbern gegenüber. Der Ölschock und die folgende Inflation hatten die Kosten explodieren lassen, die damals noch starken Gewerkschaften verlangten zum Ausgleich höhere Löhne. Die Unternehmen reagierten mit einer Fusions- und Aufkaufwelle. So entstanden aufgeblähte Konglomerate, deren versprochene Gewinne größtenteils ausblieben. Die Aktionäre waren unzufrieden. Angefeuert von Friedmans Theorien machte sich in ihrem Auftrag ein Heer von Sanierern und Optimierern ans Werk.

Fixierung auf endlose Kostenreduzierung

Doch die Fixierung von Firmenchefs und Eigentümern auf Gewinnmaximierung und endlose Kostenreduzierung blieb keine kurzfristige Managementmode. Sie wurde derart verinnerlicht und verbreitet, dass sie irgendwann als ein Wesenszug des Kapitalismus wahrgenommen wurde. 1997 wurde die Maximierung der Aktionärsgewinne zur offiziellen Doktrin des Business Roundtable.

Jetzt soll also Schluss damit sein. "Während jedes Unternehmen seinen individuellen Unternehmenszweck erfüllt, teilen wir alle eine grundsätzliche Verantwortung gegenüber allen unseren Interessengruppen", heißt es in dem Manifest. "Wir verpflichten uns, für sie alle wertschöpfend zu handeln, um dem künftigen Erfolg unserer Unternehmen, unseres Gemeinwesens und unseres Landes zu dienen." Jamie Dimon, Chef der größten US-Bank JPMorgan Chase und der Vorsitzende des Business Roundtable, erklärte, er habe es für höchste Zeit gehalten, die Prinzipien zu überdenken. In Interviews und Stellungnahmen konnten die Manager die Bedeutung ihres Sinneswandels nicht genug hervorheben. Er habe sich zeitweise wie der amerikanische Gründervater Thomas Jefferson gefühlt, ließ etwa Alex Gorsky wissen. Der Kosmetik- und Pharmakonzern Johnson & Johnson, dem Gorsky vorsteht, wurde indes am Montag von einem Richter in Oklahoma als Mitverursacher der Drogenkrise in dem Bundesstaat zur Zahlung von 573 Millionen Dollar verurteilt. Zudem wehrt sich der Konzern derzeit gegen Klagen von Verbrauchern, die behaupten, das Babypuder des Unternehmens sei krebserregend.

Woke Capital nennt sich die neue Bewegung

Die Verkündung der neuen Stakeholder-Doktrin ist der vorläufige Höhepunkt eines Trends, der schon länger im Gange ist. Vor allem in den USA haben Unternehmen begonnen, sich gesellschaftlichen Bewegungen anzuschließen. Rasierklingenhersteller Gillette etwa versuchte mit einem Werbefilm gegen toxische Männlichkeit in der Me-Too-Ära zu punkten. H&M, Warner Music, MAC Cosmetics, die Dating-App Tinder sowie weitere 170 Unternehmen unterzeichneten im Juni einen Appell an US-Volksvertreter, das Recht auf Abtreibung nicht einzuschränken. Sportartikler Nike holte Colin Kaepernick als Werbefigur, nachdem der Football-Spieler wegen seines Protests gegen soziale Ungerechtigkeit und Rassismus von keinem der Teams der NFL unter Vertrag genommen wurde. Die Schweizer Modemarke Bally schickte im Sommer Bergsteiger in den Himalaya, um dort Müll zu sammeln. Während des Pride-Monats der Schwulenbewegung verzieren zahlreiche Unternehmen ihre Logos mit der Regenbogenflagge, der US-Rüstungsgigant Raytheon organisierte ein Gay-Pride-Event. Woke Capital heißt die Bewegung nach einem Slangwort der Afroamerikaner, das Sensibilisierung für soziale Gerechtigkeit signalisiert. Unternehmen wollen zeigen, dass auch sie "woke" sind, dass sie für Klimaschutz, für Gleichberechtigung, für das Gemeinwohl stehen.

Woher dieser Sinneswandel? In den Chefetagen verfolgt man mit Sorge die Wut der Jüngeren auf die Macht der Großkonzerne. Bei einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Harris Poll im März dieses Jahres gaben 49,6 Prozent der befragten US-Amerikaner zwischen 18 und 38 – Generation Z und Millennials – an, lieber in einem sozialistischen Land leben zu wollen. Bei der nächsten Präsidentschaftswahl werden 37 Prozent der Wahlberechtigten dieser Altersgruppe angehören. Sogar die Tech-Giganten sind in die Kritik gekommen, seit die Digital Natives erkennen mussten, dass es auch ihnen nur um eines geht: Profit.

Noch goldenere Zeiten für Manager

Und die Politik springt auf: Im US-Präsidentschaftswahlkampf versuchen demokratische Kandidaten und Kandidatinnen wie Bernie Sanders und Elizabeth Warren mit einem Wahlprogramm zu punkten, das die Konzerne stärker reguliert.

Viele der Unternehmen, deren CEOs nun das Stakeholder-Manifest unterzeichnet haben, sind bei ihren Aktivitäten in Schwellen- und Entwicklungsländern, wo sie ihre Produkte herstellen lassen oder verkaufen wollen, weit weniger sensibel, wenn es um Menschenrechte und Umweltschutz geht. Apple lässt sich etwa gern für seine rückläufigen CO2-Emissionen feiern und dafür, dass das Unternehmen seinen Strom zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energiequellen beziehe. Darin tauchen aber nicht die mehr als 1.000 Subunternehmer und Zulieferer auf. Immerhin 40 von ihnen hätten aber schon zugesagt, ebenfalls auf erneuerbare Quellen umzustellen.

Oder doch nur ein Ablenkungsmanöver?

Der konservative New York Times Kolumnist Ross Douthat sieht in der Entdeckung des sozialen Gewissens der CEOs ein Ablenkungsmanöver. Der soziale Aktivismus diene zum Schutz der Eigeninteressen. Es gehe darum, das Vorgehen der CEOs gegenüber den kulturell Einflussreichen zu rechtfertigen, sodass diese sie in anderen Bereichen, die für die Unternehmensgewinne weit wichtiger sind, in Ruhe lassen. Douthat spricht von "vorgeblicher Wokeness", die Firmen anbieten, damit aus dem linksliberalen Lager nicht noch höhere Steuern oder Einschränkung neuer Monopole gefordert werden.

Die neue Stakeholder-Doktrin hat für zahlreiche Manager zusätzlich den Vorteil, dass sie sich – unter Hinweis auf ihre nun gesellschaftliche Verantwortung – aus dem Schwitzkasten aktivistischer Anteilseigner wie Hedgefonds lösen können. Pochen diese auf die Steigerung der Rendite, kann das Management auf andere Prioritäten verweisen. Auch der Council of Institutional Investors, der die Interessen von Pensionskassen und Stiftungen vertritt, ist wenig begeistert. "Jedem gegenüber verpflichtet zu sein, heißt, niemandem verpflichtet zu sein", erklärte der CII in einer Stellungnahme zum Manager-Manifest.

Zu Recht weisen die Großanleger darauf hin, dass es im Gegensatz zu den klar geregelten Rechten der Anteilseigner – wie etwa den Stimmrechten – keinen etablierten Mechanismus gibt, die Wahrung der Interessen anderer Stakeholder durchzusetzen. Anders als Finanzinvestoren sind die anderen Interessengruppen, die sich für Umweltschutz oder Menschenrechte einsetzen, kaum in der Lage, die Unternehmenslenker wirksam zu kontrollieren. Und daran dürfte sich so schnell nichts ändern: Die Gewerkschaften sind vor allem in den USA inzwischen so gut wie ohne Einfluss. Kommunen und Bundesstaaten überbieten sich gegenseitig mit Steuernachlässen und anderen Anreizen, um Unternehmen anzulocken. Für Manager könnte die neue Stakeholder-Doktrin also noch goldenere Zeiten bedeuten, in denen sie nicht nur großzügige Vergütungspakete erhalten, sondern obendrauf unbehelligt schalten und walten können.