Viele Fluggäste sind bisher nur mit Condor geflogen, weil der Reiseveranstalter Thomas Cook ihnen dort einen Platz gebucht hat. Die bleiben nun leer. Das könnte am Ende auch Condor-Direktkunden abschrecken, sagt die Luftfahrtexpertin Laura Frommberg, Chefredakteurin des Informationsportals "aeroTelegraph" im Interview.

ZEIT ONLINE: Frau Frommberg, die Fluggesellschaft Condor gehört zum Thomas-Cook-Konzern – und darf nun keine Thomas-Cook-Kunden mehr transportieren. Was bedeutet das für die Airline?

Laura Frommberg: Für Condor ist das ein Rückschlag in einer ohnehin schon schwierigen Situation. Rund 40 Prozent der Passagiere, die mit Condor fliegen, haben über Thomas Cook gebucht. Die Airline verliert also einen großen Teil ihrer Kunden, fast die Hälfte der Sitze bleibt leer. Dadurch macht sie Verluste – und muss auf Geld verzichten, das sie dringend bräuchte.

ZEIT ONLINE: Steht Condor selbst wirtschaftlich auch schlecht da?

Frommberg: Condor selbst war bis zuletzt profitabel. Genau deshalb ist die Situation, in die Thomas Cook die Airline nun bringt, so tragisch. Die Pleite des Konzerns führt zu Misstrauen bei den Kundinnen und Kunden. Die Folge sind weniger Direktbuchungen, weil die Kunden befürchten, dass ihr Flieger ausfallen könnte. Wenn sie können, weichen sie auf andere Fluganbieter aus.

ZEIT ONLINE: Condor konkurriert auf dem Urlaubsmarkt auch mit Ryanair oder EasyJet. Wie hat sich die Marke da bisher positioniert?

Frommberg: Condor ist eine klassische Ferienairline. Sie bietet viele Langstreckenflüge an, was Billigflieger wie Ryanair oder EasyJet eher nicht machen. Durch die Pleite von Thomas Cook kommt die Frage auf: Kann Condor allein überleben? Das wird meiner Meinung nach schwierig. Die Flotte von Condor ist alt, es sind Maschinen wie die Boeing 767 im Einsatz. Diese verbrauchen viel Treibstoff und müssten dringend ausgetauscht werden. Dafür wären Milliardeninvestitionen nötig, die Condor ohne Anschluss an einen großen Konzern nicht tragen kann.

ZEIT ONLINE: Ein Konzern, der Condor übernimmt, müsste also viel investieren?

Frommberg: Nicht unbedingt. Er könnte auch die Slots, also Start- und Landerechte, von Condor übernehmen, sich die Marke sichern und sie mit eigenen Maschinen abdecken. So wie es nach der Air-Berlin-Pleite geschehen ist: Viele Airlines haben sich auf die frei gewordenen Strecken gestürzt – zumindest auf die profitablen.

ZEIT ONLINE: Condor ist als Ferienflieger ziemlich abhängig von Buchungen der Tourismuskonzerne. Ist das auch bei anderen Airlines so?

Frommberg: Klassische Ferienflieger gibt es kaum noch. In Deutschland fällt neben Condor nur noch TUIfly in diese Kategorie. Trotzdem ist das Feriengeschäft nicht per se unattraktiv. Allerdings unterliegt es dem Einfluss äußerer Faktoren. Der heiße Sommer im letzten Jahr hat sich negativ auf das Geschäft von Thomas Cook ausgewirkt: Weil es lange Zeit so warm war, sind viele Britinnen und Briten nicht in den Urlaub geflogen. Die Last-minute-Buchungen gingen zurück. Auch spürt eine Ferienairline naturgemäß eher, ob die Wirtschaft gut läuft oder schlecht, also ob es den Menschen gut geht.

ZEIT ONLINE: Sollte die Bundesregierung Condor einen Überbrückungskredit gewähren – so wie bei der Pleite von Air Berlin?

Frommberg: Das ist letztendlich eine politische Frage. Condor ist nicht mit Air Berlin vergleichbar: Bei Condor spielen Linienflüge weniger eine Rolle als es bei Air Berlin der Fall war. Das ist ein wesentlich größeres Geschäftsfeld.

ZEIT ONLINE: Wer würde profitieren, wenn Condor vom Markt verschwindet?

Frommberg: Beliebte Ziele, zu denen Condor von Deutschland aus fliegt, wären sicherlich für Ferienairlines wie EasyJet interessant. Auf der Langstrecke wäre es klar Eurowings. Ob wirklich längerfristig jemand von einem Verschwinden des Konzerns profitieren würde, bezweifle ich aber. Nach der Pleite von Air Berlin haben so viele Fluganbieter bestimmte Strecken übernommen, dass es bald ein Überangebot gab. Das führte zu großem Wettbewerb und niedrigen Preisen. Schon bald zogen sich einige Airlines wieder zurück.

ZEIT ONLINE: Lassen Sie uns noch einmal über den Mutterkonzern Thomas Cook sprechen. Was waren dessen größte Fehler?

Frommberg: Schon 2011 stand Thomas Cook kurz vor der Pleite. Damals konnte der Konzern gerettet werden, hatte aber viele Schulden. Die musste er abarbeiten. Rund ein Viertel jeder Buchung wurde deshalb einbehalten. Bis zuletzt war Thomas Cook nicht schuldenfrei. Das machte das Unternehmen empfindlich für äußere Schocks wie einen heißen Sommer oder den Brexit.

ZEIT ONLINE: Thomas Cook wird als Erfinder der Pauschalreise bezeichnet: Transport, Unterkunft, Verpflegung – ein Rundum-sorglos-Paket. Hat dieses Modell inzwischen ausgedient?

Frommberg: Ausgedient nicht. Ich glaube, dass das Konzept immer noch attraktiv ist – zum Beispiel für Familien. Im Zuge der Klimadebatte müsste es jedoch nachhaltiger gestaltet werden.