Als in den Dreißigerjahren des vergangenen Jahrhunderts die amerikanische Wirtschaft kollabierte, hatte der damalige Finanzminister Andrew Mellon seine eigene Sicht auf die Dinge. Er lehnte staatliche Maßnahmen zur Stützung der Konjunktur ab und begriff die Krise als Chance: Sie werde "die Fäulnis aus dem System treiben" und eine Erneuerung der überkommenen wirtschaftlichen Strukturen ermöglichen.

In Deutschland könnte es schon bald eine ganz ähnliche Debatte geben. Die führenden Wirtschaftsinstitute haben in der vergangenen Woche in ihrer Gemeinschaftsdiagnose darauf hingewiesen: Die Industrie befinde sich bereits in einer Rezession. Die Institute verweisen zwar darauf, dass die Kauflaune der privaten Haushalte die Wirtschaft stützt. Tatsächlich steigt der Konsum gerade, vor allem weil die Löhne noch steigen. Doch das könne auf Dauer nicht gut gehen, wie das Düsseldorfer Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in seiner Lageeinschätzung anmerkt. Denn irgendwann "greifen die Bremseffekte nach und nach auf den Arbeitsmarkt über und es droht der Absturz".

Und wie damals in den USA hat die Krise heute auch strukturelle Ursachen. Das zeigt sich vor allem in der Automobilindustrie, dem Herz der deutschen Wirtschaft. Unser Wohlstand speist sich zu einem nicht unbeträchtlichen Teil daraus, dass wir die Welt mit hochwertigen, von Verbrennungsmotoren angetriebenen Autos beliefern. Es gibt aber nun zwei Schwierigkeiten. Erstens: Einige Länder wollen unsere Autos gar nicht mehr, weil sie selbst welche herstellen. Zweitens: Der Verbrennungsmotor ist nicht mehr technologische Avantgarde. Wie auch immer das Auto der Zukunft aussehen wird, mit ziemlicher Sicherheit wird es nicht von Benzin oder Diesel angetrieben werden. Dafür braucht es noch nicht einmal Greta, dafür werden schon die Chinesen sorgen, deren Millionenmetropolen sonst in Abgasen ersticken.

Was die Sache für die Industrie so gefährlich macht: Es ist offen, ob das Auto im Zuge dieses Wandels seinen Charakter als Statussymbol erhalten kann, für das man viel Geld ausgibt – oder ob es nicht schlicht zum auswechselbaren Fortbewegungsmittel wird, für dessen Entwicklung keine gut bezahlten Ingenieure mehr benötigt werden. Das alles sind keine theoretischen Erwägungen. In der Zulieferindustrie werden inzwischen fast im Wochenrhythmus Stellenstreichungen angekündigt. Die Misere ist so groß, dass Anträge auf Staatshilfe nicht ausbleiben werden. Und betroffen sind vor allem Betriebe in den industriellen Kernregionen im Süden der Republik, dort also, wo die Welt in Ordnung zu sein schien.

Angesichts der strukturellen Doppelherausforderungen durch Protektionismus und Ökologie könnte man nun wie einst Andrew Mellon argumentieren, der Staat solle die Wirtschaft sich selbst überlassen. Wenn die Regierung helfend eingreift, werden womöglich nur die alten Strukturen künstlich am Leben erhalten. Es werden sich – so diese Sichtweise – schon Unternehmer finden, die aus den Trümmern der Alten etwas Neues formen.

Das Problem ist nur: Was kaputt ist, das ist kaputt. Komplexe soziale Gebilde wie moderne Unternehmen lassen sich nicht von heute auf morgen zerschlagen und wieder neu zusammensetzen, und von den Folgen für die Mitarbeiter ist hier noch nicht einmal die Rede. Wenn die Sache schiefgeht, ist am Ende das Alte weg und nichts Neues da.

Was also tun: die Konjunktur stützen oder den Strukturwandel zulassen?

Ein Ausweg aus dem Dilemma bestünde darin, die Stützung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage mit Anreizen für eine strukturelle Neuausrichtung zu kombinieren. Warum nicht Forschung und Entwicklung alternativer Antriebstechnologien großzügig fördern? Warum nicht in weit größerem Umfang als bisher in den Umbau der öffentlichen Infrastruktur investieren? Warum nicht die Regelung für die Auszahlung von Kurzarbeitergeld so erweitern, dass auch längerfristige Transformationsprozesse mit staatlicher Unterstützung gestaltet werden können? Und warum nicht einem strauchelnden Unternehmen mit einem Staatskredit unter die Arme greifen, wenn das Potenzial für einen erfolgreichen Weiterbetrieb vorhanden ist? Man könnte ja den sich vollziehenden ökologischen Umbau der Weltwirtschaft als gewaltige Chance für eine weltweit führende Industrienation wie Deutschland begreifen. In einer Zeit, in der der Bund praktisch umsonst Kredite aufnehmen kann, sollte jedenfalls am Geld nichts scheitern.

In den USA ging das Experiment von Andrew Mellon übrigens nicht gut aus. Das Land stürzte in eine schwere Rezession, die erst Jahre später überwunden werden konnte.