"Jetzt sind wir endlich dran" – Seite 1

Auch in der örtlichen Bäckerei Jauernig gibt es an diesem kalten Novembertag kein anderes Thema. "Eine Autofabrik wollen die bauen, wer glaubt's denn", raunt Jörg Ritter seinem Kumpel zu. Die beiden Männer mittleren Alters sitzen am Kaffeetisch zusammen, beide haben ihre Smartphones gezückt und lesen die Nachrichten. "Wenn das wirklich stimmt, das wäre schon toll für die Infrastruktur hier", fährt Ritter fort. Der gelernte Koch ist vor elf Jahren nach Grünheide in Brandenburg gezogen, knapp eine halbe Stunde mit dem Auto von Berlin entfernt. Es sei schön hier, sagt er.

Schön ist es in der Tat, geradezu beschaulich liegt die Gemeinde zwischen zwei kleinen Seen da. Bis gestern Abend war Grünheide einfach nur ein Dorf im Berliner Speckgürtel. Dann hat Tesla-Chef Elon Musk gewohnt überraschend auf einer Preisverleihung in Berlin eine Bombe platzen lassen: Nach zwei Standorten in den USA und Shanghai in China soll ausgerechnet hier die nächste Gigafabrik des amerikanischen Elektroautoherstellers entstehen.

Wer Tesla kennt, weiß, dass diese Ankündigung Großes verheißt: Die erste Gigafactory mitten in der Wüste im US-Bundesstaat Nevada soll das Gebäude mit dem größten Fußabdruck der Welt werden, über 3,5 Millionen Batteriezellen werden dort täglich hergestellt. Die Großfabrik in China wurde erst in diesem Jahr in nur zehn Monaten aufgebaut. Hier sollen neben Batterien bald 250.000 Autos pro Jahr gebaut werden. Auch in Berlin sollen sowohl Batterien wie auch Antriebsstränge und das Tesla Model Y gebaut werden, erklärte Musk auf Twitter.

Jörg Ritter freut sich, dass ausgerechnet die Automobilindustrie in Brandenburg Fuß fassen will. Das würde den Menschen hier sicher guttun, hier sei ja sonst nicht mehr viel. Bisher habe sich gerade in der Autobranche ja alles im Westen abgespielt. Ein bisschen schadenfroh fügt er hinzu: "Aber jetzt sind wir endlich dran."

Ganz neu ist die Idee, einen Automobilhersteller in Grünheide anzusiedeln, nicht. Vor etwa 20 Jahren stand die Gemeinde in Verhandlungen mit BMW. Letzten Endes scheiterte das Vorhaben aber. Der Standort stand bereits fest – und wurde nun für die Präsentation bei Tesla wieder aus der Schublade geholt: ein Industriegebiet im Norden Freienbrinks, einige Kilometer südlich von Grünheide.

Die Busse fahren nur wenige Male am Tag

Freienbrink ist ein Ortsteil von Grünheide und liegt direkt an der Autobahn A10. Der Ort wird bereits von einem Industriegebiet dominiert, dem GVZ Freienbrink. Dort befindet sich das regionale Zentrallager von Edeka, auch einige andere Firmen, vor allem Logistikunternehmen, machen sich den praktischen Standort am östlichen Berliner Ring bereits zunutze. Jörg Ritter hat davon aber nichts: Ohne Auto hat er keine Chance, nach Freienbrink zu kommen, die Busse fahren nur wenige Male am Tag. "Aber das muss sich ja dann ändern", freut er sich. Denn so eine Fabrik werde ja sicher viele Arbeitskräfte und damit eine gute Infrastruktur brauchen.

Bis zu 8.000 Arbeitsplätze verspricht sich die Regierung Brandenburgs sogar von diesem Coup, den ein Team um Wirtschaftsminister Jörg Steinbach (SPD) in den letzten Monaten in absoluter Geheimhaltung ausgehandelt hat. Das berichtet Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) am Mittwochnachmittag auf einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz in Potsdam. Die Nachricht, dass Brandenburg den Zuschlag für Elon Musks nächstes Großprojekt ergattert hatte, schlug nicht nur in Grünheide große Wellen. Sechs Monate hätten die Verhandlungen gedauert, seit Juli war Brandenburg in der engeren Auswahl. Dass am Dienstagabend eine Absichtserklärung für das Projekt im Beisein von Elon Musk unterzeichnet werden konnte, sei auch für den Ministerpräsidenten eine schöne Überraschung gewesen.

Signalwirkung für das Bundesland Brandenburg

Vier Standorte hatten die Wirtschaftsplaner dem US-Unternehmer vorgeschlagen, besonders die Nähe zu Berlin hat Angaben von Tesla zufolge den Ausschlag für Grünheide gegeben. Woidke sieht die Wahl Brandenburgs trotzdem als Signalwirkung für sein Bundesland: "Das erste Mal gelingt es, hier bei uns in Brandenburg zu zeigen, dass Klimaschutz und die Schaffung von Wohlstand und Arbeitsplätzen Hand in Hand gehen können." Brandenburg komme europaweit eine Spitzenrolle beim Thema erneuerbare Energien zu, die Investition zeige, dass große Industrieorganisationen zunehmend darauf achteten, möglichst klimaneutral zu produzieren.

Anfang 2020 soll der erste Baum gefällt werden

Pressekonferenz zur Ankündigung von Tesla: Dietmar Woidke (SPD), Ministerpräsident von Brandenburg, Arne Christiani (Parteilos), Bürgermeister von Grünheide (Mark), Rolf Lindemann (SPD), Landrat des Kreises Oder-Spree, und Jörg Steinbach (SPD), Brandenburger Wirtschafts- und Energieminister (von rechts nach links) in Potsdam © Soeren Stache/​dpa

Bereits Anfang 2020 soll der erste Baum gefällt werden, denn aktuell besteht die Fläche, auf der Tesla bauen will, vor allem aus Wald. "Aber Wald der schlechtesten Qualität", beeilt sich Wirtschaftsminister Steinbach zu versichern. Außerdem habe Tesla sich bereit erklärt, eine drei Mal so große Fläche andernorts in Brandenburg wieder aufzuforsten. Wie schnell die neue Fabrik dann aufgebaut werden kann, liege auch an Tesla. "Die müssen in Rekordgeschwindigkeit Unterlagen von ausgezeichneter Qualität einreichen, damit alle beteiligten Ämter das Vorhaben prüfen können", sagt Steinbach. Ziel sei, in der ersten Hälfte des Jahres 2021 die Produktion aufzunehmen.

In der "Brotbüchse" am Rand des GVZ Freienbrick ist zur Mittagszeit viel los. Auch hier im Imbiss redet man über die geplante Großfabrik, allerdings schwingt deutliche Skepsis mit. Damals bei BMW habe man gar nicht gewusst, wohin mit dem Geld, klagt der Besitzer. "Und jetzt kommt so ein amerikanisches Unternehmen und plötzlich sind alle glücklich? Das glaube ich noch nicht", meint er. Ein älterer Gast blickt von seinen Buletten auf, nickt bekräftigend und fügt zweifelnd hinzu: "Nachher heißt es noch, dass die eine S-Bahn hierhin bauen!"

Die Situation im öffentlichen Nahverkehr ist aktuell "nicht gerade bestens"

Tatsächlich ist das Szenario nicht ganz abwegig: Sowohl in den öffentlichen Nahverkehr als auch in Wohnraum will Grünheides Bürgermeister Arne Christiani investieren. Seit 16 Jahren steht er den sechs Ortsteilen um Grünheide vor. Die Situation im öffentlichen Nahverkehr sei aktuell "nicht gerade bestens", gibt er zu. Er ist sich aber sicher, "dass eine Lösung gefunden wird".

Die wird er auch beim Thema Wohnraum suchen müssen. Glaubt man den Menschen im Ort, ist es bereits heute schwierig, bezahlbare Wohnungen zu finden. "Ich suche schon lange", erzählt Jörg Ritters Kumpel in der Bäckerei. "Aber es gibt nichts. Wer sucht, steht auf langen Listen", fügt Ritter hinzu. Es sollte mal gebaut werden, aber bisher habe sich nichts getan.

Das könnte sich dank Teslas Projektvorhaben bald ändern. Bürgermeister Christiani schwebt zumindest eine Neuentwicklung von Wohngebieten außerhalb der bestehenden Ortschaften vor. "Sonst wird es schwer, Arbeitskräfte hier rauszulocken", prophezeit Jörg Ritter.