Die Schifffahrt belastet das Klima stark. Ihre Abgase machen etwas mehr als zwei Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen aus. Das entspricht in etwa dem Anteil Deutschlands, doch die Klimapolitik der Europäischen Union setzt der Branche bislang kaum Grenzen. Und während viele über Kohle, Verbrennungsmotoren und Flugreisen diskutieren, sind die Emissionen der Schifffahrt bislang allenfalls ein Thema für Klima-Nerds.

Womöglich ändert sich das nun, denn ab sofort kann man den Schaden in Zahlen messen, den die Schifffahrt in der EU dem Klima zufügt: Laut einem neuen Report haben Schiffe, die EU-Häfen ansteuerten oder aus ihnen abfuhren, im Jahr 2018 insgesamt 139 Millionen Tonnen CO2 in die Luft geblasen. Wären sie ein Land, lägen sie damit hinter den Niederlanden auf Platz acht der größten Emittenten in der EU.

Der Report, der ZEIT ONLINE vorliegt, kommt von der Brüsseler Organisation Transport and Environment (T&E), die sich für eine ökologische Verkehrswende auf europäischer Ebene einsetzt. Die T&E-Experten rechnen darin mit offiziell bei der EU registrierten Emissionsdaten einzelner Schiffe, die erstmals für das Jahr 2018 erhoben wurden. In der EU-Datenbank liegen die Zahlen nur in Rohform vor. Die T&E-Experten haben sie systematisiert und mit den Emissionsdaten anderer Branchen verglichen.

Europas größte Emittenten

Ein zentrales Ergebnis: Eine einzige Schifffahrtsgesellschaft, die in Genf ansässige Mediterranean Shipping Company (MSC), stieß im Jahr 2018 elf Millionen Tonnen CO2 aus – das sind höhere Emissionen als die der Fluggesellschaft Ryanair, die es auf nicht ganz zehn Millionen Tonnen bringt, und fast so viele wie die des zur Leag gehörenden Braunkohlekraftwerks Lippendorf bei Leipzig. Dieses pustete im gleichen Zeitraum 11,7 Millionen Tonnen CO2 in die Luft. Sechs weitere Braunkohlekraftwerke emittierten noch mehr, fünf davon – Schwarze Pumpe, Weisweiler, Jänschwalde, Niederaußem und Neurath – befinden sich in Deutschland. Größter Emittent ist das Kraftwerk Belchatow in Polen.

Zwar hinkt der Vergleich mit Neurath oder Lippendorf ein wenig, denn die für die MSC berechneten Emissionen werden von vielen einzelnen Containerschiffen verursacht – für eine korrekte Gegenüberstellung müsste man wohl einzelne Kohlekraftwerke mit einzelnen Schiffen vergleichen. Aber die Rangliste macht deutlich: Hier geht es um relevante Größenordnungen. 

Das zeigen auch die anderen Vergleiche aus dem Report. Laut T&E sind beispielsweise die Emissionen der Schifffahrt in manchen – kleineren – EU-Ländern höher als oder zumindest ähnlich hoch wie die Emissionen aller Pkw. In Deutschland emittieren Schiffe mehr CO2 als der Autoverkehr in den zehn größten Städten zusammengenommen. Und die Emissionen des EU-weiten Containerschiffsverkehrs sind in der Größenordnung mit denen der deutschen Industrie vergleichbar.

Kohle unter Druck, Schiffe nicht

Doch während Kohle, Industrie und Verkehr unter Druck sind, ihren Treibhausgasausstoß zu senken, reguliert Europa die Schifffahrt bisher kaum – mit dem Ergebnis, dass die Emissionen in dieser Branche in den vergangenen Jahren stark angestiegen sind, statt zu sinken. Und weil die Schifffahrt mit dem Welthandel wächst, wird sich daran absehbar wohl kaum etwas ändern. Es sei denn, die Politik ergreift Gegenmaßnahmen.

Es bestehe die Gefahr, dass die Untätigkeit in der Schifffahrt die klimapolitischen Fortschritte in anderen Bereichen zunichtemacht, warnen die Experten von T&E. Sie empfehlen, den Schiffsverkehr in den Europäischen Emissionshandel zu integrieren. Das Geld, das die Reedereien dann zahlen, könnte in einen Fonds fließen, der die Entwicklung von klimafreundlichen Antrieben fördert.

Wirksame Effizienzstandards, die im Realbetrieb überprüft werden, könnten ebenfalls einen Beitrag leisten – bislang gibt es sie noch nicht. Und schließlich sollten die Emissionen, die jetzt schon von der Branche zu Protokoll gegeben werden, in die offizielle Berechnung der EU-Klimaziele für 2030 und 2050 einfließen.

Geschehe nichts, sei das Pariser Klimaabkommen in Gefahr. Auch die EU hat damals den Vertrag unterzeichnet. 

In einer früheren Fassung dieses Textes wurde das Kraftwerk Lippendorf fälschlicherweise in der Lausitz verortet. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.