Sie ist elastisch, superdünn und lässt sich auf fast alles kleben: Die neue Solarfolie von Heliatek soll für nicht weniger als eine Revolution in der Solarbranche sorgen. Zwölf Jahre lang hat das Dresdener Unternehmen an der sogenannten organischen Solarzelle geforscht –  jetzt steht die Technologie kurz vor ihrem Durchbruch, wenn es nach Martin Hermenau geht, dem Leiter der Produktentwicklung bei Heliatek. "Wir beginnen 2020 mit der Serienproduktion", sagt er. Zurzeit ist das solare Start-Up mit seinen 150 Mitarbeitern auf der Suche nach Fachkräften, die Produktion läuft im Testbetrieb.

Das Besondere: Die Solarfolie kommt ohne Silizium, Blei und andere Schadstoffe aus, das macht sie umweltfreundlicher. Organische Solarzellen besitzen einen anderen Halbleiter, er basiert auf Kohlenwasserstoffverbindungen. Deshalb sei der ökologische Fußabdruck der Zelle sehr viel kleiner als bei herkömmlichen Fotovoltaik-Modulen, erklärt Hermenau. Zudem seien Materialengpässe, wie beispielsweise bei den Seltenen Erden, nahezu ausgeschlossen.

Selbst Ministerpräsident Kretschmer lobt

Zudem ist die Folie leicht und biegsam. Während normalerweise Solarmodule als feste Glasplatten auf Häuser- und Garagendächern landen, lässt sich die Solarfolie flexibel anwenden: In Spanien hat Heliatek den Turm eines Windrades beklebt, in Frankreich das Leichtbaudach einer Mittelschule, in Donauwörth die Fassade eines Getreidesilos, in Berlin die Waben einer Traglufthalle. Im vergangenen Sommer schaute sogar Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) zur Werkseinweihung vorbei, und er sagte etwas, was die gesamte Solarbranche gern hört: "Von Dresden aus werden organische Solarfolien in aller Welt für eine saubere und nachhaltige Energieerzeugung sorgen."

Tatsächlich läuft es aktuell anders herum. Deutschland exportiert schon lang nicht mehr Solarzellen im nennenswerten Maße, sondern importiert sie inzwischen aus China, Taiwan oder Südkorea. "Von der Solarwirtschaft ist in Deutschland nicht mehr viel übrig", sagt Norbert Allnoch, Chef des Internationalen Wirtschaftsforums Regenerative Energien (IWR), das sich für den Ausbau der erneuerbaren Energien einsetzt. Waren im Jahr 2011 laut Bundeswirtschaftsministerium noch 156.700 Menschen in der Solarbranche beschäftigt, waren es Ende 2017 nur noch 42.800. "Fast die gesamte industrielle Wertschöpfung ist verloren gegangen", sagt Allnoch. Von den 350 Solarzellenproduzenten, die es noch vor acht Jahren gab, sind kaum ein paar Dutzend übrig. Im einstigen Solarvalley bei Bitterfeld-Wolfen hat der Großteil der Firmen Insolvenz angemeldet.

"Ein Lehrbuchbeispiel für falsche Industriepolitik", sagt Volker Quaschning, Professor für Regenerative Energiesysteme an der HTW Berlin und Mitorganisator der Scientists-for-Future-Bewegung. Die Regierung aus Union und FDP senkte im Jahr 2011 die Einspeisetarife im Erneuerbare-Energien-Gesetz so drastisch, dass die Solarstromproduktion in Deutschland unattraktiv wurde. Die Installationszahlen brachen zwischen den Jahren 2012 und 2014 um drei Viertel ein. "Der Weltmarkt wächst aber jährlich um 20 bis 30 Prozent", sagt Quaschning. 

Den Herstellern fehlte der deutsche Markt

Um konkurrenzfähig zu bleiben, hätten deutsche Solarkonzerne mitwachsen müssen. Nur so könne man andere Preise aushandeln, etwa beim Grundstoff Silizium. "In dem Moment, wo der Heimatmarkt weggebrochen ist, hatten die Deutschen keine Chance mehr, mitzuwachsen", sagt Quaschnig, der den Weltmarktanteil deutscher Hersteller auf weniger als ein Prozent schätzt. Damit hätten sie auch den technologischen Anschluss verloren. Firmen wie Q-Cells, Inventux, Solar Millennium oder Solon mussten aufgeben, oftmals wurden sie von ausländischen Konzernen übernommen.

Die Investoren aus China, Südkorea und Taiwan gelangten durch die Übernahmen vor allem an wertvolle Patente, das deutsche Know-how der Solarwirtschaft. Zwar kaufte das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) einige Patente "für den Erhalt dieser Zukunftstechnologie in Deutschland", wie Institutsleiter Eicke Weber erklärt. Das Gros der Patente aber nutzten asiatische Unternehmen für ihren technologischen Siegeszug. Ob Jinko Solar, JA Solar oder Trina Solar: Die drei größten Solarkonzerne der Welt kommen inzwischen allesamt aus China, die vor allem über den Preis konkurrieren. "Die Zellen und damit der werthaltigste Anteil dieser Wirtschaft kommen aus Asien", so Allnoch. Immerhin gebe es aber in Deutschland noch die "Wertschöpfung in der Solarnutzung", sagt er. Damit meint er Maschinenbauer, Anlagenbetreiber und Handwerksbetriebe, die neue Solaranlagen aufbauen.