"Ich bin der Wald, ich bin uralt", beginnt der alte Förster mit ernster Miene ein Gedicht vorzutragen. "Ich hege den Hirsch, ich hege das Reh, ich bau euch das Haus, ich heiz euch den Herd. Drum ihr Menschen, haltet mich wert."

Der besinnliche Reim will nicht so recht zu dem passen, was vor dem Pensionär, der seinen Namen lieber nicht veröffentlichen will, passiert. Autos und Forstmaschinen stehen am Wegesrand, zwischen den Bäumen tauchen hier und da Männer in orangefarbener Schutzkleidung mit Sprengstoffsonden auf, ab und zu heult eine Motorsäge. An einem "Betreten verboten"-Schild vorbei geht es in eine matschige Straße, immer tiefer in den Wald.

Einen Wald, über den gerade alle sprechen in der Region. 300 Hektar ist er groß, direkt an der Autobahn 10 gelegen, dem Berliner Ring. Hier will der US-Autobauer Tesla eine Fabrik bauen. Schon im nächsten Jahr sollen die ersten Elektroautos Made in Brandenburg vom Band rollen. Als der exzentrische Firmenchef Elon Musk vor ein paar Monaten die überraschende Standortwahl verkündete, war der Jubel groß. Gute Arbeitsplätze kann die Region dringend gebrauchen.

Einige Fichten, die jetzt fallen, hat er selbst gepflanzt

Aber längst nicht alle sehen das so. Auch wenn er seit zwölf Jahren in Rente ist, hängt der Förster an seinem Wald. Ab 1967 war er Revierförster hier in Freienbrink. Einen Teil der Fichten, die nun bald für die neue Tesla-Fabrik fallen müssen, hat er selbst gepflanzt.

"Der Wald ist das wertvollste Ökosystem, das wir überhaupt haben", erklärt er mit fester Stimme, während er uns schnellen Schrittes den matschigen Weg entlangführt. "Selbst wenn es sogenannter minderwertiger Kiefernwald ist", fügt er hinzu. Für ihn gibt es keinen minderwertigen Wald, nur Lebensraum für Fuchs, Hase und Wildsau. Auch Rotwild habe er früher gesehen, weiter nördlich. Er nickt in die Richtung.

Eine Chance für die Heimat

Wenn der Förster redet, hört Albrecht Köhler aufmerksam zu. Die beiden hatten sich zu dem Waldspaziergang verabredet. Dabei kennen sie sich erst seit zwei Tagen. Getroffen haben sie sich im Rathaus von Grünheide, wo seit Montag die Planungsunterlagen zur Einsicht für die Bürger ausliegen. Beide waren interessiert daran, was Tesla hier vorhat.

Aber anders als der Förster ist Köhler regelrecht im Tesla-Fieber. Täglich versorgt er auf Twitter Interessierte mit Neuigkeiten zum Bau der geplanten Autofabrik. Er ist mit einem Leichtflugzeug über das Gelände geflogen, hat Drohnenaufnahmen gemacht und alles ins Netz gestellt. Er läuft fast täglich durch den Wald, mit grauer Windjacke und dreckverkrusteten Wanderstiefeln, in der Hand eine Spiegelreflexkamera mit riesigem Objektiv. 

Ein Ökosystem muss weichen, damit Jobs entstehen können: Der Tesla-Enthusiast und der Förster auf ihrem Waldspaziergang. © Melanie Croyé

"Wenn ich mir vorstelle, wie das in wenigen Jahren aussehen wird, kommt mir das völlig absurd vor", sagt Köhler nachdenklich und lässt den Blick über Tausende Reihen dünner Fichtenstämme streifen. Der hochgewachsene, schlanke 32-Jährige ist in Erkner aufgewachsen, nur wenige Kilometer entfernt. Seit einigen Jahren lebt er mit seiner Familie in Grünheide. "Es gibt ein echtes internationales Interesse am Bau der Fabrik", erklärt er. Für ihn ist die Fabrik vor allem eine Chance für seine Heimat.

Nun also stapfen die beiden zwischen den Bäumen durch, der eine ein Tesla-Enthusiast, der sich für die Zukunft Grünheides einsetzt und es als seine Pflicht sieht, den Bau der Fabrik zu begleiten. Der andere ein 82-jähriger Rentner, dem es überhaupt nicht gefällt, dass dieser Wald gerodet werden soll.