Die Klimaaktivistin Luisa Neubauer von Fridays for Future hat das Angebot von Siemens-Konzernchef Joe Kaeser, im künftigen Unternehmen Siemens Energy einen Aufsichtsratsposten zu besetzen, abgelehnt. Stattdessen schlug sie ihm vor, die Stelle mit einer Wissenschaftlerin oder einem Wissenschaftler von Scientists for Future zu besetzen. Damit könne Kaeser zeigen, dass ihm der Umweltschutz wichtig sei: "Wenn der Firma ernsthaft an Klimaschutz und Fridays for Future gelegen ist, wird sie meine Entscheidung respektieren." Scientists for Future ist eine Bewegung von Wissenschaftlern, die die Forderung nach besserem Klimaschutz unterstützen.

Neubauer begründete die Entscheidung mit der Wahrung ihrer Eigenständigkeit. "Mit dem Posten wäre ich den Interessen des Unternehmens verpflichtet und könnte Siemens dann nicht mehr unabhängig kommentieren. Das ist nicht mit meiner Rolle als Klimaaktivistin zu vereinbaren." Sie sei dem Pariser Klimaabkommen und dem 1,5-Grad-Ziel zur Begrenzung der Erderwärmung verpflichtet. "Am Beispiel Joe Kaeser sieht man diese Tage, dass diese unabhängige Rolle dringend gebraucht wird."

Siemens ist am Bau eines Großkraftwerks beteiligt

Kaeser hatte ihr den Posten bei einem Gespräch über den Bau eines umstrittenen Kohlebergwerks angeboten, an dem Siemens beteiligt ist. Die Anlage soll nach den Plänen des indischen Konzerns Adani Group eines der weltweit größten Bergwerke seiner Art werden und jährlich bis zu 60 Millionen Tonnen Kohle fördern. In Deutschland werden jährlich 169 Millionen Tonnen Kohle gefördert.

Bis Montag will Siemens endgültig über die Beteiligung am Bau des Kraftwerks entscheiden, die in der Lieferung einer Zugsignalanlage bestünde. Neubauer appellierte an Kaeser, die Zusammenarbeit mit Adani zu beenden: "Es gibt derzeit nur zwei weitere Firmen, die die notwendige Technologie in Australien bereitstellen können", sagte sie der Bild am Sonntag (BamS). "Beide Firmen, Alstom und Hitachi, verweigern die Zusammenarbeit mit der Adani-Mine." Gerade deshalb sei ein Ausstieg von Siemens wichtig. Kaeser solle nicht "die gesamte Reputation von Siemens aufs Spiel setzen", indem er den Bau eines Kraftwerks zustimme, das es "nicht geben dürfte".

Kraftwerkbau seit Jahren in der Kritik

Auch Klimaaktivistin und Friday-for-Future-Initiatorin Greta Thunberg schloss sich der Diskussion um den Kraftwerkbau an. Es erscheine so, dass Siemens die Macht besitze, den Bau zu stoppen, zu verzögern oder zumindest zu unterbrechen, schrieb die schwedische Schülerin auf Twitter. "Am Montag werden sie ihre Entscheidung bekannt geben. Bitte helft dabei, sie dahin zu bringen, dass sie die einzig richtige Entscheidung treffen."

Umweltschützer bekämpfen das Bauprojekt seit Jahren. Neben den zu erwartenden CO2-Emissionen protestieren sie auch gegen den benötigten Wasserverbrauch, die Zerstörung von Lebensraum vor Ort sowie den Transport der Kohle über das Great Barrier Reef, das größte Korallenriff der Welt. Aufgrund der seit Monaten anhaltenden Buschfeuer in Australien, die bisher mehr als zehn Millionen Hektar Land vernichtet haben, ist der Bau besonders problematisch: In Australien steht Premierminister Scott Morrison zunehmend in der Kritik, da seine industriefreundliche Position zur Kohleförderung in Verbindung zu den Bränden gebracht wird.