Wolfgang Krogmann ist seit 2010 Deutschlandchef der Modekette Primark. Der Textildiscounter betreibt in Deutschland 28 und international 370 Läden. Gegründet wurde Primark 1969 in Irland.

ZEIT ONLINE: Herr Krogmann, kleidet man sich als Primark-Manager eigentlich auch selbst ganz in Primark?

Wolfgang Krogmann: Na, unbedingt! Alles, was ich heute anhabe, die Jeans, der Pulli, die Socken und auch die Unterhose, kommt aus dem Hause Primark. Alles. Bis auf die Schuhe.

ZEIT ONLINE: Und was haben Sie für das Outfit bezahlt?

Krogmann: Da muss ich kurz nachrechnen. Die Jeans 16 Euro, das T-Shirt 8 Euro, die Unterhose … Also, was ich jetzt anhabe, hat insgesamt weniger als 45 Euro gekostet.

ZEIT ONLINE: Das ist überschaubar. Kann Primark diese Preise nur anbieten, weil es an anderer Stelle faule Kompromisse eingeht, etwa bei den Arbeitsbedingungen der Mitarbeiter in Bangladesch?

Krogmann: Nein! Der Preis sagt nichts darüber aus, unter welchen Bedingungen produziert wurde. Er sagt höchstens etwas darüber aus, ob ein Unternehmen in seiner Kalkulation einen hohen oder einen niedrigen Preisaufschlag vornimmt. 98 Prozent der Produktionsstätten, die Produkte für Primark herstellen, fertigen auch Kleidung für die Wettbewerber, die ihre Textilien zu ähnlichen Preisen einkaufen wie wir, sie dann aber zu deutlich höheren Preisen auf den Markt bringen. Wir Discounter setzen auf hohe Stückzahlen, um möglichst geringe Preisaufschläge anzubieten. Die anderen lassen vielleicht noch hochwertige Etiketten einnähen oder die Ware einzeln verpacken und schlagen dann beim Preis auf.

ZEIT ONLINE: In der Textilbranche gilt in der Regel, Einkaufspreis mal drei ist gleich Verkaufspreis. Gilt das bei Ihnen auch?

Krogmann: Nein, wir liegen deutlich darunter.

ZEIT ONLINE: Im Geschäftsjahr 2019 haben Sie trotzdem einen operativen Gewinn von 913 Millionen Pfund erzielt. Wie geht das?

Krogmann: Wir tun eben alles dafür, die Kosten so gering wie möglich zu halten. Unsere Ware wird bei den Lieferanten zum Beispiel direkt gekennzeichnet und in Kartons gepackt, die ungeöffnet direkt an die Filialen gehen. Alle Zwischenschritte sparen wir uns. Wir machen kaum Werbung und wir betreiben keinen Onlinehandel. Das spart viel Geld. Hinzu kommt, dass wir auf eine sehr schlanke Organisation setzen. Ich bin zum Beispiel gemeinsam mit einer Kollegin für 7.000 Leute zuständig, wir haben aber keine Assistentin. Die Arbeit machen wir selbst.

ZEIT ONLINE: Aber wie können Sie von hier aus sicherstellen, dass wirklich alle Zulieferer in Produktionsländern wie Indien oder Bangladesch zu jeder Zeit zu fairen Bedingungen arbeiten?

Krogmann: Indem wir unsere Lieferanten und deren Fabriken engmaschig kontrollieren. Unsere Ethikdirektorin in London leitet ein Team von mehr als 110 Spezialisten, die vor Ort in den Zuliefererfabriken regelmäßig Prüfungen durchführen. Allein im vergangenen Jahr waren das annähernd 3.500 Stück. Bei diesen Prüfungen geht es in erster Linie nicht um betriebswirtschaftliche Eckdaten, sondern um die Einhaltung unserer ethischen Standards, die wir in einem Kodex formuliert haben. Dieser Kodex basiert auf den Vorgaben der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) der UN und muss von unseren Lieferanten eingehalten werden. Die darin enthaltenen Vorgaben betreffen etwa die Arbeitszeiten und die Bezahlung, die Pausenzeiten und die Mitbestimmungsrechte genauso wie Sicherheits- und Umweltstandards.

ZEIT ONLINE: Aber am Ende bekommt man vor Ort doch nur eine Momentaufnahme. Oder noch schlimmer, ein geschöntes Bild, das die Zulieferer extra für die Prüfer inszenieren.

Krogmann: Nein, unsere Prüfungen sind sehr umfangreich. Wir gehen zum Beispiel auch in die Personalbüros und schauen uns genau an, wie die Stunden abgerechnet werden. Wir fragen die Mitarbeiter, ob sie ihr Gehalt erhalten haben. Und wir führen auch anonyme Befragungen durch, um herauszufinden, wie sich die Belegschaft vom Management behandelt fühlt. Wir suchen aktiv nach Fehlern, mit dem Ziel, die Standards langfristig zu verbessern.

ZEIT ONLINE: Bräuchte es nicht externe Prüfkompetenz, um da wirklich zu verlässlichen Ergebnissen zu kommen?

Krogmann: Wir arbeiten mit externen Prüfern vor Ort zusammen, aber auch mit zahlreichen Partnern. Wir sind zum Beispiel Mitglied der britischen Ethical Trading Initiative, die die Achtung der Arbeitnehmerrechte weltweit fördert. Wir führen aber inzwischen seit vielen Jahren auch eigene Prüfungen durch und dokumentieren die Ergebnisse jedes Jahr detailliert. Daran lässt sich ablesen, dass wir über die Jahre Verbesserungen erreicht haben.