Der frühere SPD-Vorsitzende und Vizekanzler Sigmar Gabriel übernimmt eine führende Funktion bei der Deutschen Bank. Er soll Aufsichtsrat des Instituts werden, wie es in einer Pressemitteilung der Bank heißt. Demnach wurde der 60-Jährige als neues Mitglied des Aufsichtsrats nominiert.
"Wir freuen uns sehr, mit Sigmar Gabriel einen überzeugten Europäer und Transatlantiker für den Aufsichtsrat der Deutschen Bank gewinnen zu können", sagte Paul Achleitner, Vorsitzender des Aufsichtsrats der Deutschen Bank. Als ehemaliger Umwelt-, Wirtschafts- und Außenminister werde Gabriel "mit seinem großen Erfahrungsschatz einen besonderen Beitrag leisten und unsere Kompetenz im Aufsichtsrat ergänzen". Dass Gabriel eines Tages Achtleitner an der Position des Aufsichtsratsvorsitzenden nachfolgt, gilt als unwahrscheinlich, weil ihm dafür die operative Erfahrung im Bankengeschäft fehlt.
Achleitner sprach von "geopolitisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich herausfordernden Zeiten", in denen sich eine globale Bank ganz neuen Erwartungen und Anforderungen stellen müsse. Tatsächlich steckt die größte deutsche Bank mitten im größten Umbau ihrer Firmengeschichte. Weltweit wurden bereits 18.000 Jobs gekürzt, 2019 verbuchte das Institut den fünften Jahresverlust in Folge.
Entscheidung über Gabriel am 20. Mai
Gabriel selbst sagte: "Die Berufung in den Aufsichtsrat der Deutschen Bank ist für mich eine große Ehre." Das Unternehmen habe als "eine der wichtigsten Finanzinstitutionen in Europa die Chance und die Verantwortung, die Zukunft der deutschen und europäischen Wirtschaft mitzugestalten". Dazu wolle er einen Beitrag leisten.
Gabriel soll Jürg Zeltner nachfolgen, der sein Aufsichtsratsmandat Ende vergangenen Jahres niedergelegt hat; die Finanzaufsicht hatte seine Berufung wegen Interessenskonflikten abgelehnt. Sein prominenter Nachfolger soll sich bei der nächsten Hauptversammlung der Bank am 20. Mai den Aktionärinnen und Aktionären zur Wahl stellen. Den entsprechenden Antrag reichte die Deutsche Bank nach eigenen Angaben beim Amtsgericht Frankfurt ein.
Erst Spitzenpolitiker, dann Politikberater und Autor
Der 60-Jährige war unter anderem von Dezember 2013 bis März 2018 Vizekanzler; insgesamt neun Jahre lang gehörte er dem Kabinett von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) an, zunächst als Umweltminister, dann als Wirtschafts- und zuletzt als Außenminister. Die SPD führte der gebürtige Niedersachse in den Jahren 2009 bis 2017. Bis zum vergangenen November saß er auch im Bundestag, legte sein Mandat dann aber nieder.
Erfahrung in der Finanzbranche sammelte er zwischen 2005 und 2009, als er dem Verwaltungsrat der staatlichen Förderbank KfW angehörte und das Gremium zeitweise auch leitete. Als Ministerpräsident von Niedersachsen saß Gabriel auch im Aufsichtsrat von VW, an dem Katar Anteile hält. Katar ist ebenfalls Großaktionär der Deutschen Bank – Gabriel ist den wichtigsten Anteilseignern daher vertraut.
Seit seinem Rückzug aus der Bundesregierung ist Gabriel in verschiedenen internationalen Gremien und Organisationen aktiv. Seit Juni 2019 ist er unter anderem in ehrenamtlicher Funktion Vorsitzender der Atlantik-Brücke und arbeitet auch als Berater bei der US-amerikanischen Politikberatungsfirma Eurasia Group sowie seit Juni 2018 auch als Autor für Medien der Verlagsgruppe Dieter von Holtzbrinck (DvH Medien), zu denen neben dem Handelsblatt und dem Tagesspiegel auch DIE ZEIT und ZEIT ONLINE gehören.
Auf Schröders Spuren
Mit rechtlichen Problemen muss Gabriel bei einem Wechsel in die Wirtschaft nicht rechnen: Das Bundesministergesetz sieht lediglich vor, dass Mitglieder der Bundesregierung "innerhalb der ersten 18 Monate nach ihrem Ausscheiden aus dem Amt eine Erwerbstätigkeit oder sonstige Beschäftigung außerhalb des öffentlichen Dienstes" anzeigen müssen. Noch kurz nach seinem Rückzug aus der Politik hatte Gabriel mitgeteilt, nun kein Lobbyist werden zu wollen. "Man soll nicht an Türen klopfen, hinter denen man selbst mal gesessen hat", hatte er 2018 in einem Interview mit der Bild am Sonntag gesagt.
Gabriel ist nicht der erste hochrangige Ex-Politiker, der nach seiner politischen Tätigkeit in die Wirtschaft wechselt. Sein Parteigenosse Gerhard Schröder übernahm nach seinem Abschied aus dem Kanzleramt 2005 unter anderem den Aufsichtsrats-Vorsitz bei der vom russischen Konzern Gazprom dominierten Ostsee-Pipeline-Betreiber Nord Stream AG. Die frühere CDU-Politikerin Hildegard Müller führt inzwischen den Verband der Automobilindustrie (VDA). Auch frühere Spitzenpolitiker von Grünen und FDP sind in die Wirtschaft und zu Lobbyistenvertretungen gewechselt.
Kommentare
Clutch
#1 — vor 2 WochenEntfernt. Bitte formulieren Sie Kritik sachlich und differenziert. Danke, die Redaktion/mh
Robert Geiss
#1.1 — vor 2 WochenDer Kommentar, auf den Sie Bezug nehmen, wurde bereits entfernt.
Horst Horstowitz
#2 — vor 2 WochenEntfernt. Bitte formulieren Sie Kritik sachlich und differenziert. Danke, die Redaktion/mh
Lachkeks
#2.1 — vor 2 WochenDer Kommentar, auf den Sie Bezug nehmen, wurde bereits entfernt.
ZEITSOLDATER
#3 — vor 2 WochenEntfernt. Bitte verzichten Sie auf überzogene Polemik. Danke, die Redaktion/mh
Stan_Smith
#3.1 — vor 2 WochenDer Kommentar, auf den Sie Bezug nehmen, wurde bereits entfernt.
einenmoment
#4 — vor 2 WochenHa, ha, ha. Ich schmeiß mich weg. Schröder wird Aufsichtsratschef für Putin, Gabriel für die Deutsche Bank. Die SPD -- die Partei der einfachen Arbeitnehmer.
secret77
#4.1 — vor 2 WochenStimmt doch, bis zu BLACKROCK schaffen sie es anscheinend nicht.