Michael Bogner arbeitet für die Modeagentur Triton Textile, die deutsche Modemarken an Produzenten in Asien vermittelt:

"Für den Modehandel in Deutschland kann das Coronavirus schwere Konsequenzen haben, vor allem für die Spätsommer- und Herbstware. Ich gehe davon aus, dass wir Verzögerungen von etwa vier bis sechs Wochen haben werden. Wenn zum Beispiel die Übergangsjacke erst im Oktober oder November in die Läden kommt, ist das natürlich zu spät. Dann sollte dort schon die Winterjacke hängen. Das kann definitiv zu Umsatzausfällen führen. Den Händlern bleibt fast nur die Möglichkeit, die Ladendekoration etwa für die Sommerware länger stehen zu lassen. Also ein bisschen die Geschwindigkeit rauszunehmen. Sie müssen dann die Kollektionen länger anbieten. Im Herbst könnte noch der Badeanzug im Laden hängen.

Die Textilproduktion der Lieferanten in China läuft jetzt erst langsam wieder an. Trotzdem sind immer noch sehr viele Arbeiter nicht aus dem Urlaub zum chinesischen Neujahrsfest Ende Februar zurückgekehrt. Ohnehin hat man nach diesen Feiertagen nie die volle Kapazität in der Produktion, eher 65 bis 70 Prozent. Aber die chinesische Regierung hat die Ferien zum Neujahrsfest um zwei Wochen verlängert, um die Inkubationszeit des Coronavirus zu umgehen. Dieser Produktionsausfall wird auf die gesamte Textilbranche durchschlagen. Die Sommersaison ist bereits ausgeliefert, aber die Produktion für die Winterware beginnt genau jetzt und sollte Ende Juni auf den Schiffsweg gehen.

Die Verspätungen entstehen allein schon dadurch, dass auch die Stoffhersteller nicht arbeiten. Den Produzenten fehlen also die Vorprodukte, die sie weiterverarbeiten können. Es gibt Verzögerungen in den gesamten Lieferwegen. Ich habe vor vier Wochen ein Paket per Express nach China geschickt und es ist immer noch nicht angekommen. Die komplette Lieferkette ist gestört. Das heißt, die Ware steht irgendwo, aber häufig kann sie nicht transportiert werden, weil keiner da ist. Die chinesische Regierung unternimmt im Moment alles, um die Leute wieder an die Arbeit zu bringen, mit Boni, mit Sonderzügen oder speziell eingerichteten Flügen. Wir können nur hoffen, dass allmählich die Produktionskapazität in China wieder auf Vollleistung hochgefahren wird."


Nils Haupt ist Sprecher von Hapag-Lloyd, Deutschlands größter Reederei für Containerschifffahrt:

"Im Moment ist die größte Herausforderung, dass unsere Container in China nicht vom Fleck kommen. Es mangelt in China derzeit vor allem an Lkw und Lkw-Fahrern. Viele Fabriken laufen noch nicht mit voller Personalstärke, einige haben die Ferien zum chinesischen Neujahrsfest verlängert. Insgesamt verzögern sich Landtransporte von und zu den Häfen – und das macht für uns die Situation nach wie vor herausfordernd. 

An einigen Häfen ist die Kapazität erschöpft, weitere Container anzunehmen. Im Hafen von Nanjing zum Beispiel wurde in der vergangenen Woche kein Gefahrgut mehr akzeptiert. China führt sehr viele Lebensmittel ein, die häufig in Kühlcontainern transportiert werden. Diese Container müssen aber ständig an der Steckdose sein, damit die Fracht, also beispielsweise Obst oder Fleisch, frisch bleiben kann. Wenn diese Steckdosenverbindungen aufgebraucht sind, weil sie nicht endlos an den Häfen vorhanden sind, dann wird es für die Häfen schwierig, Kühlcontainer weiter zu akzeptieren. Das gilt für Häfen wie beispielsweise Shanghai, Xingang und Ningbo, dort gibt es nur noch eingeschränkte Möglichkeiten für die Stromversorgung solcher Container. Fast alle Containerreedereien erheben derzeit einen Aufschlag für den Transport von Kühlcontainern nach China, bis zu 500 Dollar pro Container – vorwiegend aufgrund der deutlich höheren Komplexität dieser Transporte nach China und deutlich höheren operativen Kosten. Abgesehen von einigen Einschränkungen gibt es in China aber auch viele Häfen, die inzwischen wieder uneingeschränkt nutzbar sind. 

Der Branchendienst Alphaliner hat vorausgesagt, dass bis Ende März etwa sechs Prozent weniger Container aus China befördert werden als vergangenes Jahr. Einige Schifffahrtsunternehmen haben auch aktiv Verbindungen gestrichen. Das schränkt wiederum die Produktion ein, wenn bestimmte Vorprodukte nicht ihren Bestimmungsort erreichen. Wir gehen derzeit davon aus, dass die Produktion der meisten Fabriken bald wieder auf Hochtouren läuft und große Teile der Produktion nachgeholt werden."