Die Corona-Pandemie hat erhebliche Teile des Handels weltweit zum Stillstand gebracht. Aber es gibt einige Unternehmen, die von der Krise sogar profitieren. An erster Stelle natürlich: Amazon. Für den größten Onlinehändler der Welt sind es derzeit optimale Bedingungen, um alle Verkaufsrekorde zu übertreffen: Die meisten Menschen bleiben zu Hause, viele Geschäfte sind geschlossen. Und in den Läden, die noch geöffnet haben, sind einige Produkte immer wieder ausverkauft.

Es werden so viele Waren des täglichen Bedarfs bestellt, dass Amazon ankündigte, Produkte mit geringer Nachfrage fürs Erste nicht einmal mehr in seine Logistikzentren zu lassen. Es fehlt offenbar das Personal, das die Waren verpacken und versenden könnte. In den USA hat das Unternehmen bereits angekündigt, 100.000 neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter anzustellen.

Doch es gibt Stimmen, die behaupten, dass Amazon angesichts dieser Geschäftschance beim Gesundheitsschutz seiner Mitarbeiterinnen zu viele Kompromisse mache. So kritisierten drei Mitarbeiter aus drei deutschen Versandzentren gegenüber ZEIT ONLINE, dass Amazon sie bei der Arbeit nicht ausreichend vor einer möglichen Ansteckung mit dem Coronavirus schütze. Aus Angst vor Folgen für ihr Arbeitsverhältnis wollen die Angestellten ihren Namen nicht öffentlich machen. ZEIT ONLINE liegen Nachweise vor, dass sie bei Amazon beschäftigt sind.

Belegschaft nicht über Infektionen informiert

An ihrem Arbeitsplatz habe es bereits fünf bestätigte Corona-Infizierte gegeben, berichtet eine Frau aus dem Logistikzentrum in Winsen bei Hamburg. Das wisse sie von Kollegen und weil sich ein Manager "verplappert" habe. Amazon habe die Belegschaft allerdings nie offiziell über die Fälle informiert. Die Erkrankten und ihre direkten Kolleginnen und Kollegen seien zwar in Quarantäne geschickt worden. Erst zwei Wochen nach dem ersten bestätigten Fall habe Amazon aber weitere Maßnahmen ergriffen: Die Kantine sei geschlossen und die Pausenzeiten entzerrt worden.

"Die Schutzmaßnahmen sind noch immer lächerlich", sagt die Mitarbeiterin. "Die Leute, die bei uns die Pakete packen, stehen weiter dicht an dicht, teilweise nicht mal einen Meter auseinander." Das Robert Koch-Institut empfiehlt einen Abstand von ein bis zwei Metern zu anderen Personen, um die Ansteckungsgefahr gering zu halten.

Mitarbeiter an anderen Standorten können die Situation bei den Paketpackern teilweise bestätigen: "Zwischen den Packern muss immer ein Platz frei sein", berichtet einer aus Leipzig. Aber wenn gerade viele Bestellungen reinkämen, "wird sich da gerne drüber hinweggesetzt." Dann betrage der Abstand voneinander höchstens einen Meter. Ein Angestellter in Bad Hersfeld sagt: "Beim Packen hat man jeden zweiten Platz freigelassen und das ist aus meiner Sicht okay." Allerdings würden aus seinem Zentrum vor allem Schuhe und Kleidung verschickt, erklärt er, und da sei die Nachfrage gerade so gering, dass ohnehin nur wenig zu tun sei.

Auch die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di kritisiert, dass Amazon in der Corona-Krise nicht genügend Rücksicht auf seine Beschäftigten nehme. Die Gewerkschaft behauptet, dass es bei Amazon auch in der derzeitigen Situation noch krankheitsbedingte Kündigungen gebe. "Dieses Vorgehen zeigt den Zynismus eines Unternehmens, bei dem es vornehmlich um Profite, nicht aber um die Gesundheit der Beschäftigten und ihrer Familien geht", sagt Orhan Akman, Bundesfachgruppenleiter Einzelhandel bei ver.di. Auch bei anderen Einzelhändlern, etwa bei Supermärkten, beobachte er derzeit, dass der Gesundheitsschutz nicht die höchste Priorität habe.

Schlangen an der Stechuhr

"An einer Stechuhr bilden sich immer wieder kleinere Schlangen von Leuten", berichtet ein Angestellter in Leipzig. Auch wenn er etwa seinen Handscanner hole, treffe er "immer wieder auf eine kleinere Traube von Menschen".

Im Verteilzentrum in Bad Hersfeld gebe es seit vergangenen Freitag an der Stechuhr Markierungen auf dem Boden, sagt ein dortiger Mitarbeiter. Aber: "Das ist schwierig einzuhalten, weil es die Mitwirkung der Mitarbeiter braucht und es ist scheinbar noch nicht bis zu allen vorgedrungen, dass es notwendig ist, diese Regeln einzuhalten." Außerdem sei es "praktisch nicht machbar" bei den Massen an Mitarbeitern genügend Abstand zu garantieren: "Der Platz ist einfach nicht da." Die einzige Lösung sei, die Schichten zu entzerren.

Ein weiterer Vorwurf: Handscanner, eins der wichtigsten Arbeitsmittel in den Versandzentren, würden nicht regelmäßig gereinigt. Auch wenn Amazon verspreche, dass das einmal täglich gemacht werde. "Uns ist noch nie aufgefallen, dass jemand die Handscanner reinigt. Wenn das gemacht wird, dann offenbar in einem zu kleinen Zyklus", sagt der Bad Hersfelder Mitarbeiter. Denn die Geräte seien rund um die Uhr in allen Schichten im Einsatz. "Wer den Handscanner übernimmt, dem ist es überlassen, ob er ihn reinigt oder nicht", sagt der Angestellte. "Es hält sich nicht jeder dran." Dasselbe gelte für Transportboxen und die Griffe von Transportwägen.