Autoindustrie - Volkswagen stellt Produktion wegen Corona-Krise vorübergehend ein Der VW-Vorstandsvorsitzende Herbert Diess hat einen unmittelbaren Produktionsstop in den Werken angekündigt. Wegen der Corona-Krise sind die Absätze deutlich gesunken. © Foto: Christophe Gateau/​dpa

Volkswagen schließt wegen der Ausbreitung des Coronavirus für voraussichtlich zwei bis drei Wochen einen Großteil seiner Werke in Europa. Das kündigte VW-Chef Herbert Diess bei Vorlage der Jahresbilanz an. Produktionsunterbrechungen gibt es demnach bereits diese Woche in Werken in Spanien, Portugal, Italien und in der Slowakei.

In den vergangenen Tagen hatte es auch in deutschen Werken erste bestätigte Fälle von Infektionen mit dem Erreger der Lungenkrankheit Covid-19 gegeben. Der Betriebsrat in Wolfsburg hatte sich daraufhin besorgt gezeigt: Während im Bürobereich bei VW die Mitarbeiter wegen der Corona-Epidemie Abstand voneinander halten könnten, hätten die Kollegen in der Produktion Schulter an Schulter gearbeitet, hieß es in einem Brief des Betriebsrats an die Mitarbeiter, in dem die Produktionspause angekündigt wurde. Das Robert Koch-Institut empfehle Mindestabstände, die an den einzelnen Arbeitsstationen oft nicht einzuhalten seien.

"Die Beschäftigten haben sich und uns Betriebsräte gefragt, warum sie dieses deutlich höhere Ansteckungsrisiko tragen müssen", schrieb Betriebsratschef Bernd Osterloh. Der Betriebsrat habe gegenüber dem Vorstand diese "Zweiklassengesellschaft" kritisiert. Darauf ging die Konzernführung nun offenbar ein. An den meisten Standorten solle am 20. März die letzte Schicht laufen.

Betriebsrat für sofortigen Produktionsstopp

Dem Betriebsrat ist das zu spät: "Wir erwarten jetzt einen geordneten Ausstieg aus der Fertigung." Zudem müsse das Management detaillierte Pläne für die einzelnen Werke vorlegen, schrieben Osterloh und seine Stellvertreterin Daniela Cavallo an die Belegschaft. "Dazu zählt insbesondere das Werk in Zwickau, wo die Kolleginnen und Kollegen den ID-Anlauf stemmen. Wir erwarten hier eine Lösung – denn einige im Vorstand wollen ihrer Verantwortung offenbar nicht gerecht werden." Das in Sachsen anlaufende E-Auto ID.3 ist das zentrale VW-Projekt 2020.

Für die verbleibenden Tage fordert der Betriebsrat "eine Information aus dem Gesundheitswesen an die betroffenen Kolleginnen und Kollegen" über ihr Ansteckungsrisiko. Es sei nicht mehr einzusehen, "warum sie ohne eine klare Ansage und ohne klare Worte aus dem Management für ein paar Hundert Autos mehr eine Ansteckung riskieren sollen, die sie dann womöglich früher oder später nach Hause in ihre Familien tragen."

Der Produktionsstopp in mehreren europäischen Werken des Volkswagen-Konzerns betrifft nach Arbeitnehmerangaben auch die beiden Audi-Standorte in Deutschland. "Die Produktion in den Audi-Werken wird bis zum Ende der Woche kontrolliert runtergefahren", teilte Audi-Betriebsratschef Peter Mosch der Nachrichtenagentur Reuters mit. Er hoffe auf ein solidarisches und unbürokratisches Entgegenkommen des Unternehmens gegenüber der Belegschaft. "Wir drängen hier auf verbindliche Zusagen." Audi produziert in Deutschland in Ingolstadt und Neckarsulm.

Werke in China werden wieder hochgefahren

In China, wo die Coronavirus-Pandemie ausbrach und Volkswagen zeitweilig auch schon Fabriken schließen musste, entspannte sich die Lage zuletzt wieder etwas und Werke konnten die Produktion wieder aufnehmen. Im Februar waren die Verkäufe in der Volksrepublik abgestürzt: Sie sanken im wichtigsten Einzelmarkt im Vergleich zum Vorjahr um fast drei Viertel. Der Effekt war maßgeblich dafür verantwortlich, dass auch bei globaler Betrachtung ein erhebliches Minus um 24,6 Prozent in der Absatzstatistik stand.

In China stiegen die Auslieferungszahlen im März wieder, erklärte Diess, doch "in Europa und global steht uns die Krise noch bevor". Details zu den einzelnen Pausen der Werke in Deutschland und Europa würden zeitnah von den jeweiligen Konzernmarken bekannt gegeben. Diess betonte, sein Konzern könne bei den Produktionseinschränkungen "darauf zurückgreifen, was wir in China hinsichtlich der sanitären und organisatorischen Maßnahmen gelernt haben".

Geschäftsziele infrage gestellt

Volkswagen hatte zuvor seine gerade erst aufgestellten Geschäftsziele wegen der raschen Ausbreitung der Coronavirus-Pandemie infrage gestellt. Es sei ungewiss, mit welcher Wucht die Viruskrise Volkswagen treffen werde, hatte der Autokonzern am Dienstag bei der Präsentation der endgültigen Geschäftszahlen 2019 mitgeteilt.

"Eine verlässliche Prognose ist derzeit nahezu unmöglich", fügte Finanzvorstand Frank Witter hinzu und erklärte: "Wir schöpfen im Taskforcemodus alle Maßnahmen aus, um unsere Mitarbeiter und deren Familien zu unterstützen und unser Geschäft zu stabilisieren."

Vorstandschef Diess sagte, die Corona-Pandemie stelle den Konzern vor ungekannte operative und finanzielle Herausforderungen. Zudem seien nachhaltige Konjunktureinflüsse zu befürchten. "Durch die Bündelung unserer Kräfte, eine enge Zusammenarbeit und gute Moral im Konzern wird es uns gelingen, die Corona-Krise zu bewältigen."