Erdgas strömt das ganze Jahr über aus den Bohrlöchern, Europa braucht es aber vor allem im Winter, wenn die Menschen ihre Wohnungen heizen. Damit das Gas im Winter nicht ausgeht, gibt es in der Europäischen Union Dutzende Gasspeicher. Doch die haben ihren Zweck zuletzt nur bedingt erfüllt: Anfang Dezember 2021 waren die Speicher nur zu 67 Prozent gefüllt – und damit so leer wie seit mindestens zehn Jahren nicht mehr.

Die EU-Kommission möchte nun mit einem neuen Gesetz dafür sorgen, dass die Speicher zum Winteranfang ordentlich voll sind – damit Europa zukünftig auf der sicheren Seite steht, falls sich die Versorgungslage erneut verschärft. Zum 1. November dieses Jahres sollen alle Speicher zu mindestens 80 Prozent gefüllt sein, in den Folgejahren zu mindestens 90 Prozent. So steht es in einem Entwurf, den die Kommission an diesem Mittwoch vorgelegt hat. Die Regierungschefs wollen auf ihrem Gipfel am Donnerstag und Freitag darüber beraten.

Anders als etwa beim Erdöl gibt es für Gasspeicher bislang keine konkreten Vorgaben für den Füllstand. Die Betreiberfirmen können die Speicher also leeren und füllen, wie sie möchten. Das Geschäftsmodell von Gashändlern wie Uniper war bislang simpel: Im Sommer kaufen sie – wegen der geringen Nachfrage – Erdgas vergleichsweise billig ein. Im Winter verkaufen sie es dann teurer an ihre Gaskunden.

Russland hat seine Marktmacht ausgenutzt

Soweit die Theorie. Die Praxis sah vergangenen Winter anders aus. Schon lange vor dem Krieg in der Ukraine hat Russland seine Marktmacht als wichtigster Gaslieferant Europas ausgenutzt: Gazprom, der größte Gaskonzern, erfüllte zwar seine langfristigen Lieferverträge – bot aber, wie sonst üblich, keine zusätzlichen Mengen auf dem kurzfristigen Spotmarkt an. Zusammen mit einer höheren Nachfrage in Asien sorgte das für höhere Preise. Die Folge: Einige Gasspeicher waren nur auf niedrigem Niveau gefüllt, wie unsere Grafik der größten Gasspeicher Deutschlands zeigt.

So leer sind Deutschlands Gasspeicher

Füllstand der Gasspeicher in Deutschland in Prozent. Speicher, an denen Gazprom die Mehrheit oder Minderheitsanteile hält, sind hervorgehoben.

Quelle: AGSI


Besonders pikant: Der russische Gazprom-Konzern kontrolliert über Tochterfirmen wie Astora und andere Beteiligungen mehrere Gasspeicher selbst, darunter den mit Abstand größten Speicher Europas im niedersächsischen Rehden. Diesen Speicher hat Gazprom vergangenen Sommer kaum bedient: Der Füllstand stieg von April bis Oktober nie über zehn Prozent. Das zeigen Daten des Branchenverbands GIE, die ZEIT ONLINE ausgewertet hat.  

Die EU-Kommission will bei solchen brisanten Konstellationen wie in Rheden nun genauer hinschauen. So sollen laut Entwurf Gasspeicherbetreiber ein Zertifikat vorweisen müssen, um Risiken zu vermeiden, "die sich aus einem Einfluss von außen auf kritische Speicherinfrastrukturen ergeben". Am Ende könnte das bedeuten, dass Speicherbetreiber wie Gazprom die Kontrolle beziehungsweise sogar den Besitz aufgeben müssen, schreibt die Kommission.