Die Anfänge

In einem war sich Humboldt sicher: Berlin war ein Boden, "der dürr bleiben wird, bis man Fremde hinberuft". Und es gelang ihm, führende Vertreter der einzelnen Fächer zu berufen, wie den Philologen August Boeckh oder den Rechtswissenschaftler Friedrich Carl von Savigny. Am 2. Oktober 1810 fand die Eröffnungsfeier statt, im ersten Wintersemester zählte die Uni 52 Lehrende und 256 Studierende. Die vier Gründungsfakultäten – Theologie, Philosophie, Jura und Medizin – wurden von berühmten Wissenschaftlern geleitet, von dem Theologen Friedrich Schleiermacher, dem Philosophen Johann Gottlieb Fichte, dem Juristen Savigny und dem Mediziner Christoph Wilhelm Hufeland.

Die Gelehrten sind die unbändigste und am schwersten zu befriedigende Menschenklasse
Wilhelm von Humboldt

Und schon bald begann die Universität ihre Wirkung in der Stadt zu entfalten. Neben den Seminaren, die im kleinen Rahmen stattfanden, war die dominierende Lehrform die der – oft öffentlichen – Vorlesung. Die guten Redner unter den Professoren zogen ein breites Publikum an. Friedrich Schleiermacher seufzte: "Zu mir kommen hauptsächlich Studenten, Frauen und Offiziere. Die Studenten müssen mich predigen hören, die Frauen wollen meine Studenten sehen, und die Offiziere kommen eben der Frauen wegen."

Wilhelm von Humboldt, der schon 1810 sein Rücktrittsgesuch einreichte, empfand die Arbeit mit den Professoren offenbar als anstrengend. "Die Gelehrten", schrieb er, "sind die unbändigste und am schwersten zu befriedigende Menschenklasse – mit ihren sich ewig durchkreuzenden Interessen, ihrer Eifersucht, ihrem Neid, ihrer Lust zu regieren, ihren einseitigen Ansichten, wo jeder meint, dass nur sein Fach Unterstützung und Beförderung verdiene."

Trotz alledem: Die Stadt und die Universität zusammen – das war der Boden, auf dem die geistige Entwicklung fortschreiten konnte.

Der Schriftsteller Wilhelm Raabe (1831-1910), der sehr viel später in Berlin studierte – als die "Berliner Universität" längst "Friedrich-Wilhelms-Universität" hieß – hat das schön ausgedrückt: "Ich war ein Student, und ich studierte in Berlin die schönen Wissenschaften und die hässlichen. Ich studierte aber auch das Leben, und in ihm das Schöne und das Hässliche von demselben Blatt – o großer Gott, was studierte ich alles! Es ist mir heute noch ein Mirakel, dass ich nicht mit einem Riss, einem Sprung im Hirnkasten oder einem darum gelegten eisernen Bande herumlaufe: die Gehirnerweiterung war zu mächtig!"