Geschickt klettert sie auf allen Vieren durchs Geäst einer mächtigen Feige. Doch sobald das Affenweibchen auf dem Grasboden unter dem lichten Kronendach landet, wandelt sie sich scheinbar zum Menschen: Kurzerhand richtet sie sich auf und läuft auf zwei Beinen zur Palme ein paar Meter weiter.

So ähnlich könnte "Ardi" – eine Affendame, die vor 4,4 Millionen Jahren im Nordosten des heutigen Äthiopiens lebte – den Wald durchstreift haben. Innerhalb der letzten 15 Jahre fanden Wissenschaftler immer wieder Teiles des Skeletts von Ardipithecus ramidus, einer Art, die dem Menschen offenbar weitaus ähnlicher war, als bislang vermutet.

Die Fundstücke stammen aus der Afar-Region im Nordwesten Äthiopiens, wo auch die berühmten Überreste von "Lucy" (Australopithecus afarensis) und viele andere Vormenschen-Funde ausgegraben wurden. ( Hier eine Karte der Region, die die Fundorte unterschiedlicher Knochenfragmente zeigt ) Die Forscher zählen Ardi zu den Hominiden, den Menschenartigen.

Ardi öffnet ein Fenster zur frühesten Evolution unserer Verwandtschaft
Owen Lovejoy, Anthropologe

Und die Knochen der Affendame verraten Erstaunliches: Ardipithecus ramidus scheint im Stammbaum der Evolution genau zwischen den zweibeinigen Vorfahren der modernen Menschen und den Schimpansen zu stehen, die sich durch die Kronen des Regenwaldes schwingen. Der letzte gemeinsame Vorfahre von Menschen und Schimpansen ist die Art zwar nicht, dieser Missing Link sollte schließlich vor mindestens sechs Millionen Jahren gelebt haben.

Aber immerhin ist Ardipithecus ramidus so nahe an diesem Zwischenglied, dass die Art "ein Fenster zur frühesten Evolution unserer Verwandtschaft öffnet", erklärt Owen Lovejoy von der Kent-State-Universität im US-Bundesstaat Ohio . Da wundert es nicht, wenn die Fachzeitschrift Science der Art jetzt elf Beiträge und damit fast eine halbe Ausgabe widmet.

Am 17. Dezember 1992 wurden die ersten Knochen von Ardipithecus ramidus in Äthiopien entdeckt. Seither untersuchen Owen Lovejoy, Tim White von der kalifornischen Berkeley-Universität und ihre Kollegen diese Fossilien und entlarven dabei bisherige Annahmen gleich reihenweise als überholt. So nahmen viele Forscher an, der letzte gemeinsame Vorfahre habe mit den heutigen Schimpansen vieles gemeinsam gehabt. Für manche Eigenschaften trifft das wohl zu, für die Fortbewegung mit Sicherheit nicht.