Tatsache ist, dass die Erdkruste unter Basel auch ohne menschliches Zutun mächtig unter Spannung steht. Die Alpen drängen nordwärts und die Ausläufer des Oberrheingrabens zerren den Fels nach Osten und Westen hin auseinander. "Die natürliche Vorspannung ist aber eine Grundvoraussetzung für das Hot-Dry-Rock-Verfahren", sagt der Seismologe Deichmann. "Andernfalls würden die Wasserinjektionen das Gestein nicht brechen können."

Wie der Fels genau auf die Flüssigkeitsspritze reagiert, lasse sich schwer vorhersagen. "Man kann an der Verformung des Bohrlochs zwar erkennen, in welchen Richtungen das Gestein gedrückt oder gezogen wird", erläutert er. Der genaue Betrag, den man für die Berechnungen der Bruchmechanik braucht, lasse sich aber kaum abschätzen. "Vermutlich spielen Temperatur und Festigkeit der jeweiligen Gesteinsarten ebenfalls eine Rolle", sagt Deichmann.

Das Baseler Geothermievorhaben ruht derzeit, Ende des Jahres wollen die Behörden entscheiden, ob es weitergeht. Doch auch andernorts stehen die Bohrtrupps bereit, um die klimafreundliche Energiequelle anzuzapfen.

Das Problem: Das Wasser wird nicht nur als "Sprengmittel" für neue Spalten gebraucht. Damit diese dauerhaft offen bleiben, muss die Wasserzirkulation immer mit einem gewissen Überdruck betrieben werden, was weitere Erschütterungen hervorrufen kann.

Die Wissenschaftler vom Schweizerischen Erdbebendienst haben ein Verfahren entwickelt, mit dem das Risiko von starken Beben zumindest etwas gemindert werden könnte. Mit Hilfe von Seismografen werden dabei die zahlreichen Mikrobeben, die während des Einpressens von Wasser entstehen, in Echtzeit überwacht.

Ein Computerprogramm berechnet anhand von Menge, Stärke und Entstehungsort der Minibeben, wie groß die Wahrscheinlichkeit für starke Erdstöße ist. "Das Modell geht davon aus, dass jedes Beben ein Haupt- und mehrere Nachbeben hat, die die verbleibende Spannung abbauen", erläutert Deichmann.

Das Programm soll die statistischen Erfahrungen der Gegenwart in die Zukunft projizieren. Wenn die Bebenstärke und -häufigkeit ein gewisses Maß überschreitet, soll die Pumprate zurückgefahren werden, um dem Untergrund Gelegenheit zu geben, seine Spannungen auszugleichen.