Doch selbst wenn der Computer rechtzeitig auf die Bremse drückt, ist die Gefahr nicht gebannt. Nachdem in Basel die Erde wackelte, wurden umgehend die Pumpen abgeschaltet und das Bohrloch geöffnet, um den Wasserdruck entweichen zu lassen. Trotzdem kam es in den folgenden zwei Monaten immer wieder zu kleineren Erdbeben, drei davon hatten eine Stärke von 3,0 und mehr.

Selbst zwei Jahre später ist der Untergrund noch nicht völlig zur Ruhe gekommen, zeigen die Sensoren. Auch andernorts wurden nach dem Abstellen der Pumpen relativ starke Erdstöße registriert, berichtet Deichmann. "Das passt nicht ins Bild der Seismologie", gibt er zu. Wenn der Wasserdruck fehlt, sollten die Erschütterungen aufhören. "Möglicherweise liegt das an chemischen Prozessen, bei denen das Wasser das Gestein langfristig verändert und so dessen Festigkeit verringert wird." Sobald der Fels schwächer ist als die nach wie vor existierende natürliche Spannung, bricht er – die Seismografen zucken.

An bestimmten Orten sollte man besser keine Geothermieprojekte starten
Ernst Huenges, Geoforscher

Tiefengeothermie kann auch ruhiger laufen, wenn die natürlichen Voraussetzungen besser sind. Zum Beispiel bei der Versuchsanlage des Potsdamer Geoforschungszentrums (GFZ), die in Groß Schönebeck bei Berlin steht. "Wir haben doppelt so viel Wasser pro Zeiteinheit nach unten gepumpt wie die Kollegen in Basel", berichtet der Projektleiter Ernst Huenges. "Aber wir haben höchstens Erschütterungen der Stärke -1 gehabt, das ist weniger als ein Zehntausendstel der Basel-Beben."

Dafür gebe es zwei Gründe, erläutert der Wissenschaftler. Einerseits sei die natürliche Spannung in den Gesteinen des norddeutschen Untergrunds viel geringer, und die erzeugten Gesteinsbrüche prinzipiell kleiner. Zum Zweiten haben die Potsdamer in einen porösen Sandstein gebohrt und nicht einen dichten Granit, wie in Basel. "Der Sandstein ist flexibler", sagt Huenges. "Wenn es ein Beben gibt, kann er die freigesetzte Energie besser aufnehmen." Weil der Sandstein löchrig ist wie ein Schwamm, kann er sowieso mehr Wasser hindurchlassen, das künstliche Aufbrechen des Gesteins ist nur in geringem Umfang nötig.

Aber nicht überall bietet der Untergrund so günstige Voraussetzungen. "An bestimmten Orten sollte man besser keine Geothermieprojekte starten, die mit einem künstlichen Aufbrechen des Gesteins verbunden sind", sagt der GFZ-Wissenschaftler. Dazu gehören jene Gebiete, die unter großer natürlicher Spannung stehen, wie etwa um Istanbul. In jenen Regionen, die irgendwo zwischen "sehr sicher" und "ziemlich gefährdet" liegen, müsse man sich schrittweise rantasten, sagt er.

Prinzipiell hält der Geoforscher das Verfahren aber für beherrschbar. "Man kann genau berechnen, welche maximale Erdbebensträke mit einer begrenzten Wassermenge in seismisch ruhigen Zonen ausgelöst werden kann." Das ist aber nur eine Seite.

Gerade in Gebieten, die ohnehin kräftig unter Spannung stehen, können kleine künstliche Beben in direkter Nachbarschaft weitaus stärkere Erdstöße auslösen, die von Natur aus irgendwann in den nächsten Jahrzehnten ohnehin eingetroffen wären. "Triggern", nennen die Forscher diese Kettenreaktion. "Das können wir nicht vorherbestimmen", gibt Huenges zu bedenken.