So richtig passt sie gar nicht in die Reihe ihrer Vorgänger, die erste Trägerin des Wirtschaftsnobelpreises: Elinor Ostrom. Nicht nur, dass die bisherigen Preisträger allesamt Männer waren – die große Mehrheit der Ausgezeichneten nutzte auch völlig andere Methoden als die 76 Jahre alte US-Amerikanerin.

Es ist ausgesprochen selten, dass dieser Nobelpreis an Wissenschaftler außerhalb der Disziplin geht
Reinhard Selten, Ökonom

Bislang dominierten die Mathematiker die Liste der geehrten Gelehrten. Wissenschaftler, die mit formalen Methoden arbeiten, mit Inferenzstatistik und ökonometrischen Verfahren. Ostrom dagegen hat einen eher soziologischen Zugang zu ihren Forschungsobjekten. Sie analysiert auf Inseln mitten im Meer, auf Almen im Gebirge, Oasen inmitten der Wüste oder in abgelegenen Wäldern, wie Menschen begrenzte Ressourcen effizient und gerecht verteilen können. Ihr Forschungsgegenstand sind kleine Gemeinschaften, die oft nur weniger als 100 Menschen zählen, aber mitunter seit mehr als tausend Jahren bestehen.

Ostroms Themen lauten Wasserversorgung, Fischerei, Holzeinschlag, die Nutzung von Weideland oder Jagdrevieren. Streng genommen ist sie gar keine Ökonomin. An der staatlichen Indiana State University in Bloomington hat Ostrom einen Lehrstuhl für Politikwissenschaft, auch das ist bemerkenswert. Nur einmal in der Geschichte des seit 1969 verliehenen Wirtschaftsnobelpreises ging er bisher an einen Politologen, 1974 an Herbert S. Simon für seine Arbeiten über die beschränkte Rationalität menschlichen Handelns.

Alle Hintergründe zu den diesjährig Geehrten auf ZEIT ONLINE (bitte klicken Sie auf das Bild) © Chris Jackson/Getty Images

Wie Simon ist Ostrom eine Grenzgängerin. Sie arbeitet an der Schnittstelle zwischen Sozial- und Wirtschaftswissenschaft. Und bereichert so beide Disziplinen. "Sie ist eine Pionierin. Elinor hat uns einen ganz neuen Blick auf die Dinge eröffnet", sagt Ökonomie-Professor Reinhard Selten, der 1994 als bislang einziger Deutscher den Wirtschafts-Nobelpreis erhielt.

Der Spieltheoretiker Selten und Ostrom kennen sich bestens. 1981 leitete der Deutsche ein Forschungsseminar über Spieltheorie am Zentrum für interdisziplinäre Forschung der Universität Bielefeld. Unter den Teilnehmern: Elinor Ostrom, die von Selten auf diesen Pfad der Wissenschaft geführt wurde.

Ende der achtziger Jahre kam Ostrom erneut für ein Semester nach Bielefeld. "Als ich die Nachricht gehört habe, dass sie jetzt den Wirtschaftsnobelpreis bekommt, war ich zuerst ein wenig überrascht. Es ist ausgesprochen selten, dass dieser Preis an Wissenschaftler außerhalb der Disziplin geht", sagt ihr früherer Lehrer. "Aber er ist gerechtfertigt. Ich freue mich sehr für sie."
 

Ostrom gibt Anhaltspunkte, wie die Menschen ihr künftiges Leben auf diesem Planeten organisieren könnten

Ihr Schlüsselwerk ist die 1990 bei Cambridge University Press veröffentlichte Studie Governing the Commons. The Evolution of Institutions for Collective Action. Die deutsche Übersetzung erschien 1999 bei Mohr Siebeck unter dem Titel: Die Verfassung der Allmende. Jenseits von Staat und Markt.

In diesem Buch analysiert Ostrom das Zusammenleben in Gemeinden wie Törbel im Schweizer Kanton Wallis. 600 Einwohner. Steile Hänge, seltene Niederschläge, starke Sonneneinstrahlung. 1483 verabschiedeten die Einwohner von Törbel eine Satzung, die die Nutzung der umliegenden Almen und Wälder regelt. Einmal im Jahr treffen sich seither alle Viehbesitzer des Ortes, um einen Bevollmächtigten zu wählen, der Sanktionen bei Überbeanspruchung der Viehweiden verhängt, sich um die Instandsetzung von Wegen und Wetterschutzhütten kümmert. Jeder Bauer muss mithelfen. Das klappt seit mehr als 500 Jahren vorzüglich.

Allmenderessourcen sind knappe Ressourcen, die verschiedene Menschen gemeinsam nutzen. Mit ausgeklügelten Mechanismen schaffen diese Menschen es, die Erträge nachhaltig und fair zu verwenden – nämlich so, dass für jeden genug da ist und auch in Zukunft genug da sein wird.

Erfahren Sie mit einem Klick auf das Bild, was Sie tun müssen, um einen Nobelpreis zu gewinnen

Während der ideologisch gespaltene Mainstream der Kollegen entweder empfiehlt, die Nutzungsrechte zu privatisieren oder aber zur Schaffung einer starken staatlichen Kontrollinstanz rät, lehnt Ostrom beide Positionen ab. Sie zeigt, dass Flächen den besten Ertrag bringen, wenn weder der Staat noch Konzerne die Bearbeitung diktieren, sondern sie als Gemeineigentum geführt und von den Bewohnern in eigener Regie gemeinwirtschaftlich genutzt werden.

In Zeiten größer werdender Einkommensdifferenzen und immer knapper werdender Ressourcen gewinnen Ostroms Erkenntnisse nicht nur an Aktualität, sondern auch an Bedeutung. Wie die Menschen ihr künftiges Leben auf diesem Planeten organisieren könnten, dafür gibt es bei Ostrom wertvolle Anhaltspunkte.

In der Analyse bedient sie sich der Institutionenökonomik. Institutionen sind dabei keine Einrichtungen im Sinne von Behörden, sondern Spielregeln für das Zusammenleben, institutionalisierte Arrangements von Verteilungsmechanismen. Sie setzen bestimmte Anreize für das Verhalten der Menschen. Wann das System funktioniert und wann nicht, ist die Kernfrage von Ostroms Arbeiten.

Aus Fällen wie Törbel – andere stammen zum Beispiel aus Kanada, der Türkei oder Afghanistan – gewinnt Ostrom allgemeine "Bauprinzipien" für funktionierende Allmende. Mit überraschenden Befunden. Sie findet heraus, dass in der Huerta, einer selbstorganisierten Bewässerungsanlage im spanischen Castellón, bei 25.000 Gelegenheiten zum Wasserklau nur 200 Strafen verhängt wurden. Das ergibt eine Quote von 0,008. "Selbst wenn man davon ausgeht, dass nicht alle Vergehen entdeckt wurden, ist das außerordentlich gering", schreibt Ostrom. Obwohl die Strafen extrem mild sind, werden zwei Drittel der Wasserdiebe nach ihrer ersten Verurteilung nicht mehr auffällig.
 

Kleine Gemeinden sollten die Verteilungsregeln für Ressourcen selbst entwickeln und verändern

In den Zanjeras, Bewässerungsanlagen auf den Philippinen, leistet jeder Bauer pro Jahr im Schnitt 53 Tage Arbeitsdienst, zum Beispiel für Instandsetzungsarbeiten. Ohne Entgelt. Fast zwei Monate arbeitet er damit kostenlos für die Gemeinschaft – und muss noch dazu die Baumaterialien selbst bereitstellen.

Sie ist extrem fleißig. Wie sie diese enorme Arbeit schaffen konnte, weiß ich auch nicht
Reinhard Selten, Ökonom

Zentral sind bei allen funktionierenden, also auf Dauer stabilen Allmenden drei Grundsätze. Die Einwohner entwickeln die Verteilungsregeln selbst und können sie auch verändern. Zudem muss sichergestellt sein, dass die Beteiligten überwacht werden und es eine schnelle, aber nicht überzogene Bestrafung bei Verstößen gibt. Insgesamt acht Bauprinzipien identifiziert die Wissenschaftlerin.

Wenn zentralstaatliche Instanzen versuchen, die Regeln zu ändern, wirkt sich das oft kontraproduktiv aus. Ebenfalls können als Entwicklungshilfe gedachte Projekte zum Bau von Bewässerungsanlagen in Dritte-Welt-Ländern schlimme Folgen nach sich ziehen.

Alle Hintergründe zu den diesjährig Geehrten auf ZEIT ONLINE (bitte klicken Sie auf das Bild) © Chris Jackson/Getty Images

In Nepal zum Beispiel betrieben die Bürger Raubbau am Wald, nachdem der Zentralstaat die Kontrolle der zuvor kommunal organisierten Forstwirtschaft an sich gerissen hatte. Sie misstrauten dem Staat und versuchten, ihn auszunutzen. Als die Verstaatlichung aufgegeben wurde und die Bürger wieder selbst die Verantwortung für ihr Handeln trugen, gelang eine schnelle Wiederaufforstung. In Sri Lanka hatte ein vom Westen finanziertes Bewässerungsprojekt ähnlich verheerende Folgen.

"Kleine Einheiten werden vom Staat oft als hilflose Individuen angesehen", bemängelt Ostrom in ihrem Buch. "Dabei können sie sich hervorragend selbst organisieren. Ein Eingriff des Staates bringt oft mehr Schaden als Nutzen." Privatisiert man die Flächen und schafft einen freien Markt, neigten die Akteure dagegen oft ebenso zur Maßlosigkeit.

"Ich plädiere für keine der beiden Positionen", schreibt Ostrom "Nur selten sind Institutionen entweder rein privat oder rein öffentlich – "Markt" oder "Staat". Viele erfolgreiche Allmenderessourcen-Institutionen sind vielfältige Mischformen aus markt- und staatsähnlichen Institutionen, die sich einer Klassifizierung in sterile Dichotomie entziehen."

Aus Fallstudien anderer Wissenschaftler, eigenen Feldstudien und methodisch einfallsreichen, unkonventionellen Experimenten hat Ostrom einen beeindruckenden Datensatz zusammengetragen. Mehr als 5000 Beispiele umfasst ihr Portfolio. "Das ist eine herausragende Leistung. Sie ist extrem fleißig. Wie sie diese enorme Arbeit schaffen konnte, weiß ich auch nicht", sagt Selten anerkennend. Zwei Forschungsprojekte hat der Bonner Ökonom gemeinsam mit Ostrom durchgeführt. "Sie hat außerordentlich wichtige Prinzipien aufgedeckt. Die haben großen theoretischen, aber auch erheblichen praktischen Wert. Wer sich um solche Probleme kümmert, kommt an ihren Arbeiten nicht vorbei."