Palmen, weiße Strände und hohe Wellen. Hainan ist vor allem als Urlaubsparadies bekannt, als das Mallorca Chinas. Doch von dort, wo sich die chinesische Mittelschicht ihren Ferienwunsch erfüllt, will die Regierung der Volksrepublik einen ganz anderen Traum Wirklichkeit werden lassen. Das ehrgeizige Ziel: 2020 soll eine chinesische bemannte Raumstation im Orbit kreisen.

Vor einigen Wochen wurde dafür in dem kleinen Ort Wenchang im Nordosten von Hainan mit dem Bau des vierten Raumfahrtzentrums in China begonnen. 60 Kilometer entfernt von der Provinzhauptstadt Haikou soll das "Hainan Space Satellite Launch Centre" entstehen. Laut chinesischen Medien werden ab 2013 von hier aus Satelliten und Raumfähren ins All gebracht.

"Von der neuen Basis werden etwa zehn bis zwölf Raketen im Jahr starten können", sagte Wang Weichang, Leiter des neuen Raumfahrtprojektes der chinesischen Zeitung Global Times anlässlich des Baubeginns Mitte September. "Durch seine Lage am Meer und die direkte Autobahnanbindung nach Haikou hat das neue Raumfahrtzentrum klare Vorteile gegenüber den drei bestehenden Zentren", sagte Wang. Diese liegen in den Provinzen Gansu, Sichuan und Shanxi und sind von westlicher Hochebene und Gebirge umschlossen, was zu Problemen beim Transport von Trägerraketen führt.

Das Raumfahrtzentrum auf Hainan wird hingegen auch vom Meer erreichbar sein, größere Bauteile und Raketen können einfacher zur Basis transportiert werden. "Von Wenchang aus werden Raketen mit einer höheren Tragkraft starten können, als von den bisherigen Raumfahrtzentren in China", erklärt Long Lehao, Experte für Trägerraketen an der Technischen Universität in Peking. Die südliche Lage des neuen Startzentrums, nur 19 Grad nördlich des Äquators, soll außerdem beim Spritsparen helfen. "So nahe am Äquator begünstigt die Erdrotation den Aufstieg der Raketen", erklärt Long.

In Zukunft ist geplant, bemannte Flüge vor allem von Hainan aus starten zu lassen. Doch auch die Zahl der chinesischen Satelliten im Weltraum soll mit der neuen Basis erhöht werden. Selbstbewusst verkündet die staatliche chinesische Presse einen Modernisierungsschub für Chinas Raumfahrtprogramm. Nach dem ersten Weltraumspaziergang eines chinesischen Astronauten am 25. September vergangenen Jahres treibt die Regierung das Raumfahrtprogramm weiter voran.

Auch Rainer Scharenberg, Experte für Internationale Zusammenarbeit beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), sieht Fortschritte bei Chinas Raumfahrtprogramm. "In diesem Bereich verfügt China über eine funktionierende Infrastruktur, eigene Produktionskapazitäten und eine kompetente Industrie - besonders in der Satellitennavigation, Telekommunikation und der bemannten Raumfahrt."

Doch gerade in der bemannten Raumfahrt greift China meist noch auf Jahrzehnte alte russische Technologie zurück. "Es ist offensichtlich, dass die Entwicklung der chinesischen Shenzhou Raumkapsel ohne russische Hilfe nicht möglich gewesen wäre", sagt Scharenberg.

China will es der Welt mit dem eigenen Raumfahrtprogramm zeigen, auch militärisch

In anderen wichtigen Bereichen wie der wissenschaftlichen und kommerziellen Nutzung von Satelliten ist China durchaus weiter. Wang Yongzhi, Chefdesigner des Programms für die bemannte Raumfahrt erklärte Ende September in einer Grundsatzrede selbstbewusst: "Seitdem wir 1985 in den internationalen Markt für kommerzielle Satelliten eingestiegen sind, hat China zahlreiche Satelliten ins All geschickt und sich seinen Marktanteil gesichert." Besonders in der dritten Welt findet China seine Abnehmer für Kommunikations- und Erdbeobachtungssatelliten.

Die Volksrepublik ist mittlerweile in vielen Bereichen aktiv: Telekommunikation, Navigation, Meteorologie, Materialwissenschaften und in der Erkundung des Weltraums. Auch die Auswertung von Satellitendaten für Katastrophenvorhersage und -management spielt eine Rolle. In Bereichen wie diesen gibt es durchaus auch internationale Kooperationen.

Das chinesische Raumfahrtprogramm ist Teil der Außenpolitik und nicht nur der Wissenschaft verpflichtet.
Rainer Scharenberg, DLR

Doch dass das chinesische Raumfahrtprogramm lediglich wirtschaftliche und wissenschaftliche Interessen verfolgt, ist kaum anzunehmen. Der Wunsch nach der eigenen Raumstation ist auch Teil der chinesischen Jagd nach Superlativen. "In der bemannten Raumfahrt geht es vor allem um Prestige. China will der Welt zeigen, was man kann", sagt Scharenberg. Im Inland sorgen Ereignisse wie der erste Weltraumspaziergang eines Chinesen für nationale Hochgefühle.

Millionen Chinesen bewunderten den Astronauten Zhai Zhigang bei seinem Spaziergang im All live im Fernsehen. Die prestigeträchtige bemannte Raumfahrt eignet sich besonders gut, um die Stärke und Einheit der Volksrepublik zu beschwören.

Auch wenn die staatlichen Medien darüber nicht berichten – Chinas Raumfahrtprogramm dient auch militärischen Zwecken. "Man darf nicht vergessen, dass das chinesische Raumfahrtprogramm Teil der Außenpolitik und somit nicht nur der Wissenschaft verpflichtet ist", sagt der DLR-Experte Scharenberg. Neben der militärischen Nutzung von Kommunikationssatelliten zeigte China mit dem Abschuss eines eigenen Wettersatelliten im Januar 2007, wozu man in diesem Bereich mittlerweile fähig ist. Die Regierung setzte so ein deutliches Zeichen der eigenen militärischen Stärke – auch im All.

Doch nach außen bleibt die bemannte Raumstation Chinas großes Ziel, zumal die USA eine Beteiligung Chinas an der internationalen Raumstation ISS weiterhin ausschließen. Doch wie realistisch ist es, dass schon 2020 eine chinesische Raumstation im Orbit kreist?

Der deutsche Raumfahrt-Experte Scharenberg ist sich sicher, dass China es schaffen kann: "Wenn die Chinesen die Fertigung der Shenzhou-Raumkapseln nicht mehr einzeln vornehmen, sondern in Serie produzieren, ist eine eigene Raumstation bis 2020 durchaus möglich. Die erfolgreichen bemannten Raummissionen der vergangenen Jahre zeigen, dass China bereit ist." Der Bau des neuen Raumfahrtzentrums auf der Insel Hainan ist nur ein weiteres Zeichen dafür, wie ernst Chinas Pläne sind.