Der Erfolg des Menschen, sein Aufstieg zum Beherrscher des Planeten, ist vor allem auf Teamarbeit zurückzuführen. Gemeinsames Jagen und Kämpfen, das Anlegen von Siedlungen und Straßen, das Gedeihen von Handel und Wandel, von Forschung und Technik, von Rechtssystemen und Staaten – Beispiele, wie Zusammenarbeit den Homo sapiens zu dem gemacht hat, was er ist.

Bis heute haben Biologen jedoch Probleme damit, Gemeinsinn und Selbstlosigkeit mit der Evolution zu erklären. Wie kann die natürliche Auslese ausgerechnet soziales Verhalten, den Zusammenhalt in der Gruppe fördern? Der Streit darüber, ob es neben "egoistischen" auch "altruistische" Gene gibt, ist erneut entbrannt. Während der Harvard-Biologe Martin Nowak bereits von der Kooperation als dritter Säule der Evolution spricht – neben der natürlichen Auslese und der Mutation, also dem Entstehen neuer genetischer Varianten –, lästert der Evolutionstheoretiker Richard Dawkins über den "Gruppenwahn".

Schon Charles Darwin , dem Begründer der Evolutionstheorie, bereitete der Altruismus Kopfzerbrechen. Denn ein Mensch, ein "Wilder", wie Darwin schrieb, der seine Interessen der Allgemeinheit unterordnete, riskierte schwere Nachteile. Er würde sich für andere opfern und selbst keine Nachkommen haben. Als Mitspieler auf der großen Bühne des Lebens hätte er verloren.

Aber was für den einzelnen "Wilden" von Nachteil sein würde, könnte seiner Sippe nützen, räsonierte Darwin. "Ein Stamm, in dem sich viele Mitglieder gegenseitig helfen und sich für die Gruppe aufopfern, wäre siegreich gegenüber den meisten anderen Stämmen; und das würde natürliche Selektion sein." Die Idee der Gruppenauslese war geboren.

Dem Gedanken der Gruppenselektion widerfuhr ein heftiges Auf und Ab. Mitte des 20. Jahrhunderts hatte er Hochkonjunktur. Der populäre Verhaltensforscher Konrad Lorenz gehörte zu seinen bekanntesten Verfechtern. Lorenz propagierte die Idee der Arterhaltung. Danach handeln Tiere gegenüber Artgenossen altruistisch, um das Überleben der Art nicht zu gefährden. Lorenz sah dabei auch eine "Tötungshemmung" im Spiel. Ein unterlegener Wolf bietet dem Sieger seine Kehle zum tödlichen Biss dar – aber der Sieger lässt den Verlierer laufen, hat er doch das Wohl aller Wölfe im Sinn. Gegenbeispiele übersah Lorenz geflissentlich.