"Viel hilft viel", meinen manche Patienten und auch Ärzte. Vor allem Ältere und Alte, die mehrere Krankheiten zugleich haben, werden manchmal mit einer solchen Menge an Tabletten, Salben und Spritzen traktiert, dass nach Meinung von Arzneimittelexperten der Schaden den Nutzen übertreffen kann. Insbesondere dann, wenn sie zu mehreren Ärzten gehen, von denen der eine nicht weiß, was der andere verordnet hat. Und nicht selten nehmen gerade die Älteren noch auf eigene Faust Mittel, die laut Werbung Wunder wirken sollen. Alles zusammen kann zu Chaos im Körper führen.

"Weniger ist mehr", sagen die Experten und raten, das Wichtigste unbedingt zu nehmen und das Unwichtigere wegzulassen. Denn weil die vielen verschiedenen Mittel sich häufig nicht vertragen, werden oftmals nicht die Wirkungen verbessert, sondern die Nebenwirkungen verstärkt. Besonders intensiv hat dieses Problem die Wuppertaler Arzneitherapie-Spezialistin Petra Thürmann erforscht, und zwar in einem Forschungsvorhaben mit dem schönen Namen "Priscus" (lat. "altehrwürdig"), das eine bessere Versorgung mehrfach kranker alter Menschen zum Ziel hat.

Von mehr als drei viertel aller schädlichen Arzneinebenwirkungen sind über Siebzigjährige betroffen, und ein Drittel dieser Schäden entsteht durch Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Substanzen, teilte die Klinische Pharmakologin vor kurzem auf dem 57. Ärztekongress in der Berliner Charité mit.

Auch einzeln wirken viele Medikamente auf den alternden Organismus mit seinem veränderten Stoffwechsel anders. Wenn zum Beispiel die Funktion der Leber oder der Nieren eingeschränkt ist, werden bestimmte Substanzen langsamer abgebaut und ausgeschieden. Dadurch sammeln sie sich im Körper an, sind also relativ überdosiert. Bei fünf Prozent der Patienten, die in internistischen Kliniken eingeliefert werden, stellen sich ihre Beschwerden als Arzneimittelnebenwirkungen heraus.

An der Spitze der eine Klinikeinweisung verursachenden Medikamente steht der Gerinnungshemmer Phenprocoumon (bekanntestes Präparat: Marcumar) wegen innerer Blutungen, gefolgt von Insulin, Insulin-Analoga und Diabetesmitteln in Tablettenform; ferner Digitalis, Diuretika, Betablocker und die große Gruppe der (nichtsteroidalen) Schmerz- und Rheumamittel, von denen einige im Alter besonders häufig Magenbluten auslösen können.

Zur Vorsicht rät Petra Thürmann aber auch im Umgang mit allen Substanzen, die bei Älteren die Gefahr eines Sturzes verstärken, wie vor allem Beruhigungsmittel und andere Psychopharmaka (zum Beispiel Antidepressiva, Neuroleptika, Benzodiazepine). Besonders in Pflegeheimen würden sie oft falsch angewandt. Auch andere Substanzen wie etwa Anticholinergica (etwa Atropin) können im Alter Schläfrigkeit, Schwindel, Verwirrtheit und Abbau der Hirnleistung verursachen und damit einen Sturz mit der gefürchteten Folge einer Hüftfraktur herbeiführen.