ZEIT ONLINE: Nach dem Erdbeben in Haiti, bei dem wohl mehrere Zehntausend Menschen gestorben sind, kippt die Stimmung der Überlebenden von allgemeiner Solidarität hin zu Angst und Wut. Wie ist das zu erklären?

Günter H. Seidler: Die Wut entsteht aus der chaotischen Situation heraus. Sie ist ungerichtet, da niemand etwas genaues weiß. Ist die Gefahrensituation vorbei? Wie sieht es bei den Hilfslieferungen aus und mit welchen Traumata werde ich als Opfer rechnen müssen? Information wäre am hilfreichsten gegen dieses Chaos, denn die Betroffenen wissen nicht, ob das Erdbeben vorbei ist. Diese Angst könnte durch einen funktionierenden Informationsfluss minimiert werden. Gelingt dies nicht, reagieren die Menschen unterschiedlich, apathisch oder eben auch hoch aggressiv.

ZEIT ONLINE: Auf Haiti kommt es nun auch zu gewaltsamen Plünderungen.

Seidler: Wenn jemand nichts mehr besitzt, weder Wasser noch Familie kann man nicht von Plünderungen reden. Dies ist die Perspektive der Außenstehenden. Wenn ich nichts mehr zu verlieren habe, suche ich etwas, das helfen kann. Es wird aus dem Stand heraus gehandelt. Das nach unseren zivilen Vorstellung mitunter kriminell, aber der Situation geschuldet.

ZEIT ONLINE: Wird sich die Wut weiter entladen?

Seidler: Das ist schwer vorhersagbar. Eigentlich solidarisieren sich die Menschen eher bei Naturkatastrophen. Doch werden sie nicht ausreichend informiert, droht eine Desorientierung, die im Zweifelsfall zu Aufständen und Rebellion aus Wut und Verzweiflung führen kann. Die derzeitige Situation kann leicht kippen. Resignation ist eine Möglichkeit, Destruktivität ist ein anderes Ventil. Später allerdings kann auch ein Gefühl der gemeinsamen Bewältigung entstehen, wie es in den Nachkriegsjahren in Deutschland nach 1945 passierte. Die Lage in Haiti ist jedoch sehr fragil. Es könnte weiter eskalieren und die Leute fangen an, sich gegenseitig totzuschlagen.

ZEIT ONLINE: Kommt es auch zu Gewalt, weil den Menschen eine psychologische Betreuung fehlt?

Seidler: Nach der Tsunami-Katastrophe habe ich gesagt, dass die psychologische Hilfe zweitrangig ist. Es gibt keine empirischen Studien, was Betroffene aus der eigenen Perspektive nach einem solchen Unglück brauchen. Natürlich sind Wasser und Lebensmittel wichtig fürs Überleben, aber Information ist vermutlich das größte Bedürfnis. Eine psychologische Unterstützung brauchen die Menschen zunächst nicht.

Es ist wichtiger Strukturen wieder herzustellen, die die Betroffenen handlungsfähig machen, damit sie sich eigenständig durchschlagen können. Erst wenn das Überleben gesichert ist, kann man überhaupt über psychologische Hilfe nachdenken. Für die Helfer dagegen ist sie viel nötiger. Sie sind es, die am ersten Tag in den Seilen hängen. Einige haben Erfahrungen mit solchen Katastrophen, andere nicht. Damit sie durchhalten, sollten sie Hilfe in Anspruch nehmen können.