Die Gefahr lauert überall. Ein Dachziegel könnte herabstürzen, ein Erdbeben den Boden unter den Füßen wegreißen, das Chemiewerk in der Nachbarschaft explodieren. Doch wie wahrscheinlich ist es, dass das Ereignis tatsächlich eintritt? Für den Fall des Ziegels ist das vergleichsweise einfach zu bestimmen anhand von Daten zum Gebäudebestand, den Windverhältnissen und dem Laufverhalten der Passanten. Bei Naturkatastrophen oder Unfällen in komplexen Anlagen spielen weitaus mehr Faktoren eine Rolle. Die Folge: Selbst Experten geben teilweise sehr unterschiedliche Prognosen darüber ab, wie groß die Gefahr für Leib und Leben ist. Doch wer hat recht?

Nicht selten setzt sich die Meinung von prominenten und forsch auftretenden Wissenschaftlern durch, selbst wenn andere Fachkollegen mehr Expertise aufweisen. Um dem beizukommen gibt es verschiedene Ansätze. Einen davon stellt jetzt Willy Aspinall im Fachblatt Nature vor (Band 463, Seite 294), die Cooke-Methode.

Der Professor für Naturkatastrophen und Risikoforschung an der Universität Bristol hat sie erstmals 1995 auf der Vulkaninsel Montserrat eingesetzt. Damals drohte ein Ausbruch und die Experten stritten heftig. Würde es eine heftige, todbringende Eruption geben oder einen milden Ausbruch? Die Behörden verlangten eine rasche Einschätzung, schließlich mussten sie entscheiden, welche Warnstufe ausgerufen werden soll. "In solchen Fällen ist es wesentlich besser, die Meinungen mehrerer Experten zusammenzuführen als einen einzelnen Chef-Wissenschaftler mit der Entscheidung allein zu lassen", ist Aspinall überzeugt. Der würde nämlich zu extremer Vorsicht neigen und sofort evakuieren lassen.

Aber auch bei gemeinschaftlich erarbeiteten Empfehlungen gibt es manche Tücke. Bei der Delphi-Methode schreiben die einzelnen Experten ihre Einschätzung auf, anschließend werden die Dokumente weitergereicht, damit jeder seine Meinung gegebenenfalls anpassen kann. "Dabei revidieren die Teilnehmer ihre Einschätzung oft in Richtung des ´führenden´ Wissenschaftlers als hin zu den stärkeren Argumenten", bemängelt Aspinall.

Bei einem anderen Verfahren, das etwa vom US-Erdbeben-Risiko-Komitee empfohlen wird, geben die Forscher jeweils den Zuverlässigkeitsgrad ihrer Einschätzung an. Das führe zusammengenommen zu einer sehr hohen Unsicherheit mit teils unlogischen Resultaten, schreibt Aspinall. Da komme es durchaus vor, dass für die Schweiz ein höheres Bebenrisiko ermittelt wird als für Kalifornien, was der Realität nachweislich nicht entspricht.

Die Cooke-Methode, entwickelt 1991 an der Universität von Delft, hingegen gewichtet die Expertenmeinungen, und zwar nicht nach deren Ansehen in der Forschergemeinde, sondern nach den tatsächlichen Fähigkeiten der Befragten. Wie das funktionieren kann, beschreibt Aspinall an folgendem Beispiel. In Großbritannien gibt es Tausende kleiner Erddämme, die vor Hochwasser schützen. Um deren Stabilität zu beurteilen, wurde eine Gruppe von elf Experten berufen. Die diskutierten darüber, wie schnell Wasser ins Innere der alternden Dämme eindringen und sie damit schwächen kann. Dann musste jeder Einzelne eine Prognose darüber abgeben, wie viel Zeit bei ausgewählten Dammtypen bleibt von einem ersten Wassereinbruch bis zum Bersten des Bauwerks.