Die DGfPI fordert deshalb, Angehörige sozialer Berufe in der Ausbildung verpflichtend mit dem Thema sexuelle Gewalt zu konfrontieren. In Kindergärten und Schulen müsse es unbedingt sexualpädagogische Begleitung geben. Und dort müsse den Mädchen und Jungen auch beigebracht werden, wie man sich vor sexuellen Übergriffen schützen kann. "Kinder müssen rechtzeitig erkennen, was sich anbahnt, sie müssen mit Freunden darüber reden, sich als Gruppe solidarisieren", beschreibt Schildmann die Stoßrichtung.

Auch wenn es geschehen ist, hilft das Gefühl, nicht allein dazustehen. Die letzten Wochen haben gezeigt, dass das Sprechen leichter fällt, wenn andere ähnliche Erlebnisse hatten. Dass die Opfer nicht früher ausgepackt haben, haben die Täter wohl auch den Wunden zu verdanken, die sie ihnen schlugen. In den Auswertungen von "Tauwetter" tauchen besonders häufig folgende Symptome auf: Schwierigkeiten, die eigenen Gefühle wahrzunehmen, Ängstlichkeit, Depressionen, Störungen des Selbstwertgefühls, Probleme, eigene und fremde Grenzen zu spüren und einzuhalten, Probleme mit Sucht und Drogen.

Alle diese Symptome zeigen sich auch bei jenen heute schon betagten Frauen, die als junge Mädchen am Ende des Zweiten Weltkriegs vergewaltigt wurden. "Auch nach 65 Jahren ist das Trauma in der Kindheit noch ein wesentlicher und belastender Bestandteil des Lebens der Patientinnen", berichtet die Psychologin Maria Böttche vom Behandlungszentrum für Folteropfer Berlin.

Das Kindheitstrauma äußere sich nicht nur in einer angstbesetzten Interaktion mit Männern, sondern auch in einer schwierigen Beziehung zu den eigenen Kindern. "Das jahrelange Schweigen über das Erlebte führte oftmals dazu, dass das Trauma nicht verarbeitet werden konnte und deshalb Symptome wie Schlafstörungen, Unruhe und Angst die Patientinnen seit Jahrzehnten begleiten."

Der Frauen- und der Kinderschutzbewegung sei es zu verdanken, wenn die Aufmerksamkeit für derartige Kindheitstraumata drastisch gestiegen ist, sagt Günther Deegener, Psychologe und Autor mehrerer Bücher zum sexuellen Missbrauch an Kindern. "Anfang der 90er Jahre kam es aus Angst, Missbrauch zu übersehen, dann manchmal zu Überreaktionen: Man hat in unspezifische Symptome zu viel hineininterpretiert und entsprechend überreagiert." Diese Tendenz, von Kritikern als "Missbrauch mit dem Missbrauch" charakterisiert, gebe es allerdings inzwischen nicht mehr, sagt Deegener.

Verlässliche Zahlen fehlen, doch in Befragungen geben zehn bis 15 Prozent der Frauen und fünf Prozent der Männer an, sie hätten es im Alter unter 16 mindestens einmal erlebt, dass ein wesentlich älterer Mensch irgendeine Form des sexuellen Körperkontakts von ihnen erzwungen habe. "Ob das heute seltener passiert, ist die Frage", sagt Schildmann. "Klar ist jedoch, dass es heute früher möglich ist, darüber zu reden."