Weder Streiks noch die Terroranschläge des 11. September bewirkten, was vulkanischem Feinstaub in der Stratosphäre gelang: Europa erlebt einen flugzeuglosen Himmel. Der Flugverkehr liegt danieder, Verluste der arg gebeutelten Fluggesellschaften steigen, Forderungen nach finanzieller Hilfe, ähnlich der für Banken, werden laut, jetzt, da ihre Aktienkurse nach unten purzeln. Politiker und Wirtschaftsführer sitzen genauso fest wie Otto Normalverbraucher. Reisepläne werden zur Makulatur, wichtige Termine platzen, bestimmte Waren aus Übersee werden bereits knapp. Der ökonomische Schaden dürfte in die Milliarden gehen. Niemand weiß, wie lange der Staubschleier über Europa hängen wird und die Eruptionen auf Island weitergehen.

Andererseits erleben viele Menschen in Europa erstmals die Vorzüge eines blauen Himmels ohne Kondensstreifen und vor allem ohne Fluglärm. Eine Erinnerung an die dunklen Seiten jeden Fortschrittes. Die Naturkatastrophe demonstriert eindringlich, wie verletzlich auch eine hoch entwickelte technologische Zivilisation wie die unsrige geblieben ist. Eine Wahrheit, die leicht vergessen wird. Die Geschwindigkeit, mit der Vulkanasche zum Problem wurde, sollte gerade diejenigen Bescheidenheit lehren, die glauben, man könne komplexe Systeme wie Klima oder die Wirtschaft steuern. Macht und Unberechenbarkeit der Natur bleiben, was immer wir tun.

Die Charakteristika unserer technologischen Zivilisation sind Vernetzung und Komplexität. Das macht einerseits ihre Stärke aus. Wir können rasch auf Katastrophen wie Erdbeben oder Fluten irgendwo in der Welt reagieren, Hilfe leisten, Nahrung heranschaffen. Vor zwei Jahrhunderten war das noch undenkbar. Im Jahr 1783 brachte ein Vulkanausbruch Tod und Verderben über Island, ein Fünftel der Bevölkerung wurde dahingerafft. Über Jahre hinweg wurden Europa und der Mittelmeerraum von Dürre und Missernten heimgesucht. Eine fatale Mischung aus blockierter Sonne und giftigen Vulkangasen ließ Vieh auf Islands Weiden sterben, löste in Europa Hungersnöte und soziale Unruhen aus, die in der französischen Revolution mündeten.

Unsere moderne Zivilisation ist widerstandsfähiger geworden und in der Lage, Situationen zu meistern, die die Menschen in der Vergangenheit ertragen mussten. Doch zugleich haben wachsende Komplexität und Interdependenz ihre Verwundbarkeit erhöht. Wenn vitale Versorgungsstränge, ob für Elektrizität oder Benzin, blockiert werden, droht binnen kürzester Frist das gesellschaftliche Gesamtgefüge empfindlich gestört zu werden.

Vor ein paar Jahren blockierten erboste Lkw-Fahrer in Großbritannien die Terminals der Ölindustrie. Nach wenigen Tagen begann in der Bevölkerung Panik um sich zu greifen, die Versorgung mit Lebensmitteln und anderen wichtigen Gütern geriet ins Stocken. Man stelle sich vor, der Vulkan werde noch auf Monate oder gar Jahre hinaus Asche spucken. Was ohne Weiteres denkbar ist, wie die Vergangenheit lehrt.

Die EU-Länder hofften noch zu Beginn dieser Woche, das Flugverbot lockern zu können. Doch neue Eruptionen des Vulkans mit dem unaussprechlichen Namen machen erst einmal einen Strich durch die Rechnung. Testflüge mit Propellermaschinen sollen helfen, ein klareres Bild über die vulkanische Asche und die Risiken zu liefern. Die Flugindustrie ist verbittert und suggeriert, das generelle Flugverbot sei übertriebenem Sicherheitsdenken entsprungen. Wie zuletzt demonstriert in der Reaktion auf die Schweinegrippe.

 

Es lässt sich nicht bestreiten, dass sich in einer hoch entwickelten technologischen Zivilisation zugleich das Verlangen herausbildet, Risiken möglichst ganz auszuschließen und dass diese kollektive Forderung durchaus in hysterischer Risikovermeidung münden kann. Wobei unsere Haltung extrem widersprüchlich ist. Wir steigen ins Auto, obwohl die Wahrscheinlichkeit, dabei zu Tode zu kommen oder verstümmelt zu werden, unvergleichlich viel größer ist als die Wahrscheinlichkeit, das Leben durch den Absturz einer Düsenmaschine zu verlieren, verursacht durch vulkanische Asche.

Einiges spricht dafür, dass wir, zumindest in der nächsten Zeit, mit größerer Ungewissheit leben müssen, als es uns lieb ist. Der Vulkan grummelt nach wie vor, die Sorge scheint durchaus begründet, ein weitaus größerer Vulkan, Katia, werde demnächst auch ausbrechen. Alle wissenschaftlichen Indizien sprächen dafür, warnt der isländische Präsident, dass Katia nun "dran" sei; die Regierungen Europas seien gut beraten, sich schon jetzt darauf einzustellen und Vorkehrungen zu treffen.

Der Schlamassel der letzten fünf Tage wird erst einmal weitergehen. Der Flugverkehr läuft nur stotternd an, er kann jederzeit wieder massiv gestört werden. Viel wird von der Großwetterlage und der vorherrschenden Windrichtung abhängen. Wir werden auf die Präzision meteorologischer Voraussagen mehr denn je angewiesen sein, was angesichts der Unsicherheitsquote bei Wettervorhersagen nicht unbedingt gutes verheißt. Das derzeitige Chaos könnte durchaus zum Dauerzustand werden.